Je älter ich werde, desto weniger verstehe ich, warum in diesem Land eigentlich jeder zu allem eine Haltung haben muss. Und warum diese Haltung dann auch noch wichtiger sein soll als das, was am Ende dabei rauskommt. Es will mir einfach nicht in den Kopf.
Fangen wir mit dem Mann an, dem wir Horst Schlämmer mit seinem „Isch kandidiere!“ zu verdanken haben. Wäre er mal bei diesem Scherz geblieben…
Hape Kerkeling saß Ende September im Thüringer Landtag. Genauer: in einer öffentlichen Anhörung des Justizausschusses zur Frage, ob man ein Verbotsverfahren gegen die AfD anstoßen sollte. Eingeladen hatte ihn die Linke. Neben Verfassungsrechtlern, Menschenrechtsinstituten und Hans-Georg Maaßen saß da also auch der Mann, der uns Horst Schlämmer geschenkt hat. Ach, wie ich wünschte, er hätte es mit Horst Schlämmer gut sein lassen…
Fairerweise vorneweg: Kerkeling sprach dort nicht als Jurist, sondern als Enkel. Sein Großvater wurde 1942 nach Buchenwald verschleppt und saß dort fast 3 Jahre, gefoltert, gedemütigt, Zeuge unzähliger Morde. Wer so eine Familiengeschichte mit sich herumträgt, dem gestehe ich zu, bei diesem Thema nicht kühl und sachlich zu bleiben. Das nehme ich ihm nicht übel. Wirklich nicht.
Was ich ihm übel nehme, ist dieser Satz: „Aber bei einer politischen Partei, bei der alles möglich ist und die das zu ihrem Wahlslogan macht, ist unter Umständen auch Buchenwald möglich.“
Gemeint war der Slogan „Alles ist möglich“, mit dem die AfD in Sachsen-Anhalt in den Landtagswahlkampf gezogen ist. Ein Werbespruch. Bei einem Autohersteller könne er den verstehen, meinte Kerkeling noch. Bei einer Partei führt derselbe Spruch offenbar geradewegs ins KZ.
Und bevor jemand mit dem „unter Umständen“ kommt: Das ist ungefähr so belastbar wie die „bis zu 16 MBit“, die mir 1&1 vor 15 Jahren für meine damalige Wohnung versprochen hat. Angekommen ist mit Glück eines. Eine Vorsichtsfloskel, damit man nicht ganz so direkt „Nazis!“ rufen muss, sondern es halt durch die Blume sagt.
Übrigens: Raten Sie mal, an welcher Stelle im Programm der AfD die Wiedereinführung von Konzentrationslagern steht.
Richtig. Nirgends.
Man muss die AfD nicht mögen. Ich mag sie auch nicht. Da schwimmt im Dunstkreis genug Ekliges rum, und auch in der Partei selbst gibts reichlich Ekelfaktor, geschenkt. Aber ein direkter Vergleich mit Buchenwald ist schlicht nicht haltbar. Nicht belegbar, nicht ansatzweise. Das ist kein Argument mehr, das ist ein Horrorszenario, das man sich herbeiredet, weil es so schön Gänsehaut macht. Warum genau deswegen auch ein Verbotsverfahren nicht durchkommen würde, habe ich hier schonmal beschrieben.
Die Antwort von der anderen Seite kam übrigens prompt: Ein AfD-Politiker hat Kerkeling wegen Volksverhetzung angezeigt. Haltung gegen Haltung. Herzlichen Glückwunsch, alle beide.
Mein eigentliches Problem mit dem Auftritt ist aber ein anderes. Hape Kerkeling ist Künstler. Ein großartiger sogar, einer der ganz Wenigen, auf die sich in diesem Land mal fast alle einigen konnten. Und genau da hätte ich mir gewünscht, er hätte es dabei belassen.
Elvis wurde 1972 auf einer Pressekonferenz in New York gefragt, was er von Kriegsgegnern halte und ob er heute den Wehrdienst verweigern würde. Seine Antwort: „Honey, I’d just as soon keep my own personal views about that to myself. I’m just an entertainer, and I’d rather not say.“
Dolly Parton, die im August gestorben ist, hat es jahrzehntelang genauso gehalten. „I’m not in politics, I’m an entertainer.“ Begründet hat sie das herrlich bodenständig: Sie habe genauso viele republikanische wie demokratische Fans. Und auf die Frage nach eigenen politischen Ambitionen meinte sie, sie sei nicht schlau genug für Politik. Vielleicht war sie in Wahrheit zu schlau.
Jetzt kann man einwenden, dass Elvis auf Nachfrage ausdrücklich nicht sagen wollte, alle anderen Entertainer müssten es genauso machen. Stimmt. Will ich auch nicht. Jeder Künstler darf sagen, was er will, das nennt sich Meinungsfreiheit und ist auch gut so. Aber ich halte die Elvis-und-Dolly-Haltung für die eindeutig bessere. Die erwachsenere. Kunst ist für mich dafür da, dass man mal 2 Stunden nicht an die große Welt und all ihre Sorgen denken muss. Lachen, durchatmen, abschalten. Politiker machen Politik, Künstler machen Kunst. Wenn mir jetzt aber auch noch der Komiker meines Vertrauens erklärt, dass hinter dem nächsten Wahlplakat das nächste Lager lauert, wo soll ich dann bitte noch hin?
Hauptsache Haltung.
Gut, Kerkeling ist nicht der Einzige, der ein Parlament mit einer Bühne verwechselt. Die Profis können das ja auch.
Cansın Köktürk von der Linken hat sich im Bundestag eine echte Premiere erarbeitet: Als erste Abgeordnete überhaupt muss sie ein Ordnungsgeld zahlen, 2.000 Euro. Nach diversen Zwischenrufen und einem Ordnungsruf rief sie der Vizepräsidentin „Jetzt schützen Sie die Faschisten!“ entgegen und verließ unter Protest den Saal. Des Saales verwiesen wurde sie schon im Juni 2025, damals von Klöckner, wegen eines T-Shirts mit der Aufschrift „Palestine“. Davor gabs bereits die Kufiya im Plenum. Und auf eine Aussage von Merz zur Zuwanderung antwortete sie auf Instagram mit einem Foto, auf dem sie den Mittelfinger zeigt.
Würde des Hauses? Kennt man irgendwie nicht.
Ihr Fraktionskollege Ferat Koçak hat es auf anderem Weg in die Schlagzeilen geschafft. Freundschaftliche Chats mit Firas Remmo, Sohn einer Großfamilie, die dem Clan-Milieu zugerechnet wird. Ein Treffen im Büro der Familie. Dazu Fotos von einer Neuköllner Wahlparty mit einem Aktivisten, der der PFLP zugerechnet wird. Und das ausgerechnet bei dem Mann, der sich vorher dafür starkgemacht hatte, den Begriff Clankriminalität nicht mehr zu verwenden. Inzwischen hat er seinen Sitz im Innenausschuss abgegeben und räumt selbst ein: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Immerhin. Das rechne ich ihm an, ehrlich. Gerade, weil er zuvor nie irgendeinen Fehler eingeräumt hat und immer zu 110% von sich und seinen Handlungen überzeugt schien. Ob er sich jetzt bei dem Fehler auch auf dasselbe bezieht, wie ich, bleibt natürlich an der Stelle unklar.
Die beiden sind nur die aktuellsten Beispiele. Pali-Fahnen, Halstücher, Shirts, Demos, die entsprechenden Posts hinterher – bei der Linken muss man nicht lange suchen, die liefern da seit Jahren zuverlässig Material. Ich frage mich nur jedes Mal: Was davon hat jemals irgendeinem Bürger in diesem Land geholfen? Eine Miete gesenkt? Einen Strompreis gedrückt? Eben. Nichts. Das ist Haltung als Selbstzweck, mit Kamera.
Und dann ist da noch die Union.
„Links ist vorbei. Es gibt keine linke Mehrheit und keine linke Politik mehr in Deutschland.“
Das hat Friedrich Merz beim Wahlkampfabschluss in München gesagt. Ein schöner Satz. Ein wirklich schöner Satz. Schauen wir mal, was draus wurde.
Die Schuldenbremse, die Merz im Wahlkampf verteidigt hat wie seinen Augapfel, wurde noch vor seiner Wahl zum Kanzler geschleift. 500 Milliarden Sondervermögen, davon 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds, und die Klimaneutralität bis 2045 gleich mit ins Grundgesetz geschrieben, weil die Grünen das als Preis für ihre Zustimmung haben wollten. Die Grünen hätten das kaum besser hingekriegt. Wahrscheinlich hätten sie es genau so gemacht.
Die Grenzen. Am ersten Tag seiner Amtszeit wollte Merz per Richtlinienkompetenz dauerhafte Kontrollen zu allen Nachbarn anordnen und ausnahmslos alle Versuche der illegalen Einreise zurückweisen lassen. Im Koalitionsvertrag wurde daraus „in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn“. Also ungefähr das Gegenteil von ausnahmslos.
Die Stromsteuer. Runter für alle, hieß es. Kam nicht. Klingbeil wollte nicht, also gabs eben nicht.
Die Kernkraft. Vor der Wahl zumindest ernsthaft prüfen, nach der Wahl abgesagt.
Das ist das Muster. Groß ankündigen, dann beschwichtigen, dann einknicken, dann erklären, warum Einknicken eigentlich staatsmännisch war. Bloß niemanden verärgern. Außer halt die, die einen gewählt haben.
Und die merken das. Die Leute fühlen sich verarscht, ignoriert, für dumm verkauft, und was machen sie dann? Sie wählen aus Trotz das Einzige, was der Elfenbeinturm garantiert nicht will. Ich schrieb u.A. hier darüber, dass bloß gegen die AfD zu sein eben keine Politik ist. Das Ergebnis konnte man im September besichtigen: Die AfD hatte kurz vorher Sachsen-Anhalt gewonnen, und in Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU zum ersten Mal überhaupt bei einer Landtagswahl komplett ohne einen einzigen Sitz geblieben. Merz nannte das Ergebnis desaströs.
Ach.
Und jetzt stehen wir da, die bürgerliche Mitte, die es angeblich gar nicht mehr gibt und die trotzdem jeden Morgen aufsteht, arbeiten geht, Steuern zahlt und den Laden am Laufen hält. Und wir wollen eigentlich gar nicht viel. Bezahlbare Lebensmittel. Bezahlbaren Strom. Eine Wohnung, die nicht das halbe Gehalt frisst. Abends durch den Park gehen, ohne sich alle paar Meter umzudrehen. Eine Politik, die das Machbare macht und das Angekündigte auch tatsächlich umsetzt.
Was wir stattdessen bekommen: Haltung. Von links Haltung mit Pali-Tuch und Mittelfinger. Von rechts Haltung mit Strafanzeige. Aus der Mitte Haltung, die beim ersten Gegenwind umfällt. Und aus dem Kulturbetrieb Haltung mit KZ-Vergleich. Inhalt? Kommt vielleicht im nächsten Koalitionsvertrag. In Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn.
Ich habe hier mal geschrieben, dass dieses Land einen politischen Factory Reset braucht. Ich nehme davon NICHTS zurück.
Hallo, Vernunft? Jemand zu Hause?


Kommentieren Sie gerne mit Ihrer Ansicht