ohnefilter.blog

Gedankenmus, zum Konsum geeignet. Lektüre auf eigenes Risiko. Sie entscheiden selbst.


Lesedauer

8–12 Minuten

Wortzähler

1.923 Wörter

Wie weit zurück darfs denn sein?

„Es gibt keinen Tag der Deutschen Einheit ohne unsere Ostgebiete.“

Jedes Jahr am 3. Oktober. Zuverlässig wie die Lebkuchen im September im Supermarktregal. Kaum ist der Feiertag da, kramen die einschlägigen Accounts auf X ihre alten Landkarten raus, posten das Kaiserreich in sattem Grün und erklären dem Rest der Republik, dass die ganze Einheit eigentlich gar nicht zählt, solange Königsberg nicht wieder Königsberg ist.

Gerne werden dabei Karten wie diese verwendet:

Karte direkt dem X Post entnommen, auf den sich meine Antwort bezog.

Ich habe mir das heute mal wieder angeschaut und entsprechend reagiert. Für einen X-Post reicht ein „Grundgütiger, was ein Schwachsinn“ ja auch völlig aus. Für einen Blogpost darfs aber ruhig ein bisschen gründlicher sein. Denn das Witzige an der ganzen Geschichte ist: die Leute, die so etwas posten, halten sich in aller Regel für die Hüter der Deutschen Geschichte. Und dann scheitern sie schon an der Karte, die sie selbst hochladen.

Fangen wir also genau da an.

Die Karte, die zu diesem Anlass immer wieder herumgereicht wird, zeigt das Deutsche Kaiserreich. Grenzen von 1871 bis 1918. Mit Posen, mit Westpreußen, mit dem Memelland, mit Elsass-Lothringen. Hübsch eingefärbt, mit Kompassrose oben links, sieht schon sehr nach Geschichtsbuch aus.

Nur: das sind gar nicht die „Ostgebiete“.

Wenn in Deutschland von den ehemaligen Ostgebieten die Rede ist, dann meint man damit seit Jahrzehnten die Gebiete östlich von Oder und Neiße, die in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 zum Deutschen Reich gehörten: Ostpreußen, Schlesien, Hinterpommern und Ostbrandenburg. Das ist auch die Linie, an der sich die Bundesrepublik bis 1990 juristisch abgearbeitet hat. Die Bundesregierung selbst hat das 1994 in einer Antwort an den Bundestag noch einmal sauber auseinandergelegt: bis zur Einigung bestand das Deutsche Reich als nicht handlungsfähiges Gebilde in den Grenzen von 1937 fort, mit der Einigung ist es Geschichte.

Posen und Westpreußen waren da aber schon längst weg. Die hatte Deutschland bereits nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag verloren, Westpreußen wurde 1920 aufgeteilt, ein Teil davon wurde zum Polnischen Korridor. Wer also das Kaiserreich postet und „Ostgebiete“ drunter schreibt, fordert nicht etwa die Grenzen von vor 1945 zurück. Er fordert Gebiete zurück, die nicht einmal die Weimarer Republik und auch nicht das Reich von 1937 hatten.

Wird noch nicht ganz klar, was das bedeutet, oder?

Das bedeutet: die Herrschaften sind sich selbst nicht einig, welche Einheit sie eigentlich meinen. Mal 1937, mal 1914, je nachdem, welche Karte bei der Bildersuche zuerst kam. Einheit nach Kassenlage.

Und dann wäre da noch der Westen. Auf genau dieser Karte liegt Straßburg im Deutschen Reich, Metz auch. Komisch nur, dass man am 3. Oktober so gut wie nie liest: „Es gibt keine Deutsche Einheit ohne unsere Westgebiete!“ Elsass-Lothringen will irgendwie keiner zurück. Vielleicht, weil man sich mit Frankreich nicht ganz so gern anlegt wie mit Polen. Vielleicht auch, weil die Elsässer sich ihre Meinung über die Deutsche Verwaltung schon zwischen 1871 und 1918 sehr gründlich gebildet haben. Wer weiß das schon.

„Aber das Kaiserreich war doch das echte Deutschland!“

Gut. Machen wir das Spiel mal mit. Wenn das Kaiserreich der Maßstab ist, dann ist die Frage, warum ausgerechnet 1871 der Maßstab sein soll. Das Kaiserreich war ja nicht das Ergebnis einer jahrhundertealten Einheit, die endlich zu sich gefunden hat. Es war das Ergebnis von drei Kriegen in sieben Jahren und eines preußischen Ministerpräsidenten, der ziemlich genau wusste, was er wollte und wem er dafür eins auf die Mütze geben musste.

Davor gab es, ab 1815, den Deutschen Bund. Ein loser Staatenbund, der laut der Bundeszentrale für politische Bildung mit erst 38, später 41 Mitgliedern startete. Kaiserreich, Königreiche, Großherzogtümer, Herzogtümer, Fürstentümer und ein paar Freie Städte. Jeder mit eigenem Herrscher, eigener Armee, eigenem Zoll, eigenen Interessen. Einig waren die sich im Wesentlichen darüber, dass man die Revolution von 1848 nicht so toll fand. Ansonsten belauerten sich vor Allem Österreich und Preußen ein halbes Jahrhundert lang, bis das Ganze 1866 ganz praktisch damit endete, dass die Mitglieder dieses Bundes gegeneinander in den Krieg zogen. Deutsche gegen Deutsche, Bayern und Sachsen an der Seite Österreichs gegen Preußen. Schöne Einheit.

Und jetzt kommt der eigentliche Gag: Ostpreußen, Westpreußen und Posen gehörten zum Deutschen Bund überhaupt nicht dazu, sieht man von einem kurzen Intermezzo um 1848 herum mal ab. Böhmen dagegen schon. Prag lag im Deutschen Bund, Königsberg nicht. Wer also den Deutschen Bund als das „eigentliche“ Deutschland betrachtet, müsste am 3. Oktober konsequenterweise Prag zurückfordern und Königsberg großzügig abschreiben. Viel Spaß beim Erklären.

„Aber davor! Das Heilige Römische Reich!“

Gehen wir noch etwas weiter zurück. Bis 1806 bestand das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, und wer das für einen Nationalstaat hält, hat es vermutlich nur vom Namen her kennengelernt. Das Reich war ein Flickenteppich aus mehreren Hundert Herrschaften. Kurfürstentümer, Herzogtümer, Grafschaften, Reichsstädte, geistliche Fürstentümer, Reichsritter mit zwei Dörfern und einem Burgturm. Gefühlt drölfundvierzigtausend, real irgendwas um die 300, je nachdem, wie man zählt und ab welcher Größe man einen Landstrich als eigenständig gelten lässt.

Und die haben sich dann auch wirklich ausgiebig bekriegt. Der Dreißigjährige Krieg war zwar ein europäischer Krieg, aber er wurde zu einem gewaltigen Teil auf Deutschem Boden und eben auch von Deutschen gegen Deutsche ausgetragen. Katholische Fürsten gegen protestantische, protestantische gegen protestantische, wenn es gerade passte, und alle zusammen gegen die Bauern, die das Pech hatten, im Weg zu wohnen. Wer behauptet, da sei irgendetwas „einig“ gewesen, war schlicht nicht dabei. War natürlich niemand von uns, aber man kann es nachlesen.

Und jetzt halten Sie sich fest: das Gebiet, das heute so gern als urdeutsches Herzland im Osten verklärt wird, lag zu großen Teilen nicht einmal in diesem Reich. Das Herzogtum Preußen, also das spätere Ostpreußen mit Königsberg, gehörte nie zum Heiligen Römischen Reich. Das war ja auch genau der Grund, warum sich der brandenburgische Kurfürst Friedrich 1701 ausgerechnet in Königsberg krönen ließ und sich „König in Preußen“ nannte: außerhalb des Reiches konnte er König werden, innerhalb nicht.

Merken Sie sich die Karte mit dem grünen Kaiserreich. Und dann legen Sie gedanklich mal ein paar Jahrhunderte darüber.

Schlesien zum Beispiel, heute eines der emotionalsten Schlagworte der ganzen Ostgebiete-Romantik, gehörte ursprünglich zum polnischen Herrschaftsbereich, kam dann an die Böhmische Krone und damit von 1526 bis 1742 an die Habsburger. Österreichisch also, wenn man es zuspitzen will. Preußisch wurde es erst, weil Friedrich der Große 1740 einmarschiert ist und Maria Theresia es sich im Frieden von Breslau abringen lassen musste. Nicht durch Einheit, nicht durch Volksabstimmung, nicht durch irgendein höheres Recht. Durch Eroberung. Punkt.

Westpreußen, das „Preußen königlichen Anteils“, kam 1466 mit dem Zweiten Thorner Frieden an die Polnische Krone und blieb dort gut 300 Jahre lang, ab 1569 dann im Rahmen der Polnisch-Litauischen Union. Preußisch wurde es erst mit der Ersten Teilung Polens 1772, Danzig und Thorn sogar erst 1793. Und auch das Herzogtum Preußen, also Ostpreußen, war lange Zeit ein Lehen der Polnischen Krone, bevor sich die Hohenzollern in der Mitte des 17. Jahrhunderts davon lösen konnten. Posen wiederum war bis zur Zweiten Teilung Polens 1793 schlicht polnisch.

Mal habsburgisch, mal böhmisch, mal polnisch, mal polnisch-litauisch, mal preußisch, mal deutsch, mal wieder polnisch. Die Geschichte dieser Gegenden ist eine Geschichte von Teilungen, Heiraten, Erbverträgen, Kriegen und Annexionen. Das ist vielleicht nicht schön, aber das ist halt Mitteleuropa. Wer da einen einzigen Zeitpunkt herauspickt und sagt „Genau SO muss es sein, alles andere ist Verrat“, betreibt keine Geschichte. Der betreibt Rosinenpicken mit Landkarten.

Noch ein bisschen weiter zurück, und es wird endgültig absurd.

Das Wort „deutsch“ taucht zum ersten Mal überhaupt in einem Brief aus dem Jahr 786 auf, als mittellateinisches „theodiscus“. Und es bezeichnete damals keineswegs ein Volk oder eine Nation, sondern schlicht die Volkssprache, im Gegensatz zum gelehrten Latein der Kirche und der Verwaltung. Die Sprache, die „das Volk“ spricht, also die Leute auf dem Feld und auf dem Markt, nicht die Leute mit Tonsur und Pergament.

In weniger schwülstig: „Deutsch“ hieß ursprünglich soviel wie „wie die Leute halt reden“.

Kein Reich, keine Grenze, kein Gebietsanspruch. Ein Begriff für eine Sprache, beziehungsweise für ein ganzes Bündel von Dialekten, die sich untereinander nicht mal besonders gut verstanden haben. Und wenn wir noch ein paar Jahrhunderte weiter zurückgehen, zu den Germanen, die sich die einschlägigen Kreise so gerne als Urahnen auf die Fahne schreiben, dann stellen wir fest: die wussten noch nicht einmal, dass sie „Germanen“ sind. Den Namen haben ihnen die Römer verpasst.

Je weiter Sie zurückgehen, desto weniger „Deutschland“ finden Sie. Irgendwann finden Sie gar keins mehr.

Fairerweise muss man an dieser Stelle aber auch etwas benennen, das in solchen Debatten gerne untergeht, und zwar auf beiden Seiten.

Für Millionen Menschen waren Schlesien, Ostpreußen und Pommern keine Linien auf einer Landkarte, sondern Heimat. Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs waren für diese Menschen eine Katastrophe, und viele Familien in diesem Land tragen diese Geschichte bis heute mit sich herum. Wer darüber trauert, wer die alten Ortsnamen kennt und mit den Großeltern noch über Breslau oder Königsberg gesprochen hat, ist deswegen weder ein Nazi noch ein Revanchist. Erinnern ist legitim. Trauern auch.

Nur: Trauern ist das Eine, Ansprüche erheben ist das Andere. Und wer Ansprüche erhebt, sollte zumindest wissen, wie es zu diesen Grenzen gekommen ist. Die Oder-Neiße-Grenze ist nicht vom Himmel gefallen, und sie ist auch keine Laune der Siegermächte gewesen. Sie ist, wie es auf deutschland.de sehr nüchtern heißt, letztlich eine Folge des Deutschen Überfalls auf Polen 1939. Wer einen Krieg anfängt, mit dem Ziel, den Nachbarn auszulöschen, und diesen Krieg dann verliert, kann sich hinterher schlecht hinstellen und sich über die neue Grenze beschweren.

Und damit kommen wir zum schönsten Teil der ganzen Geschichte, nämlich zu dem Tag, um den es eigentlich geht.

Der 3. Oktober ist der Tag, an dem 1990 die DDR der Bundesrepublik beigetreten ist. Und diese Einheit gab es nicht einfach so. Die gab es nur unter Bedingungen. Eine der wichtigsten Bedingungen, ohne die weder Moskau noch Paris noch London noch Warschau mitgespielt hätten, war genau die Frage der Ostgrenze.

Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 steht deshalb in Artikel 1, ziemlich weit oben und ziemlich unmissverständlich, dass das vereinte Deutschland aus der Bundesrepublik und der DDR besteht, dass diese Grenzen endgültig sind und dass Deutschland keinerlei Gebietsansprüche gegen andere Staaten hat und auch in Zukunft keine erheben wird. Keinerlei. Nicht „ein paar weniger“, nicht „vorerst keine“. Keine.

Am 14. November 1990 folgte dann der Deutsch-Polnische Grenzvertrag, unterschrieben von Hans-Dietrich Genscher, der die Oder-Neiße-Linie völkerrechtlich verbindlich als unverletzlich festschrieb. Unter einem Kanzler Helmut Kohl übrigens, CDU, also nicht gerade ein Hort linksgrüner Vaterlandsverräter.

Und das Grundgesetz wurde gleich mit angepasst. Mit dem Einigungsvertrag bekam es eine neue Präambel, in der seither steht, dass die Deutschen in den 16 Ländern die Einheit Deutschlands vollendet haben und das Grundgesetz damit für das gesamte Deutsche Volk gilt. Der alte Artikel 23, über den andere Teile Deutschlands irgendwann einmal hätten beitreten können, wurde ersatzlos aufgehoben. Er hatte seinen Zweck erfüllt. Da kommt nix mehr. Vollendet heißt vollendet.

Jetzt lesen Sie sich die Parole vom Anfang nochmal durch.

„Es gibt keinen Tag der Deutschen Einheit ohne unsere Ostgebiete.“

Die Wahrheit ist exakt umgekehrt: es gibt den Tag der Deutschen Einheit überhaupt NUR, weil Deutschland auf diese Gebiete verzichtet hat. Ohne Verzicht keine Zustimmung der Nachbarn und der Siegermächte. Ohne Zustimmung keine Einheit. Ohne Einheit kein Feiertag, an dem man auf X alte Karten posten kann. Das kann man meinetwegen gern doof finden. Selbst anders sehen kann man das. Die Fakten und die Realität allerdings sind recht klar.

Wer also am 3. Oktober Ostpreußen zurückfordert, feiert einen Tag, den es ohne den Verzicht auf Ostpreußen gar nicht gäbe. Das ist ungefähr so, als würde man auf der eigenen Hochzeit eine Rede darüber halten, dass man eigentlich lieber Junggeselle geblieben wäre. Kann man machen. Ist halt nur ein bisschen peinlich.

Einig war da früher gar nix. „Einig“ – sofern halt irgendwie möglich – sind wir heute. In den Grenzen von 1990.

Schönen Feiertag.



2 Kommentare zu „Wie weit zurück darfs denn sein?“

  1. Einwand: Die Tedeschi/theodisce von ~962 wurden bereits als gemeinsame Gruppe gesehen, und zwar seitens der viel kultivierteren Italiener. (Aus deren Sicht)
    Ab 1085 circa (Annolied) ist es eben nicht nur Sprache, sondern kollektive Volksgruppe; die diutisken liuten werden als Einheit gegen die Eroberer aus Rom dargestellt. Und nachdem die Deutschen so durch ihren Bezug zu den Italienern/Römer definiert wurden, war binnen Jahren seitens der anderen Nachbarn ein Begriff gefunden: die Gefolgschaft Kaiser Heinrichs IV. war dann ein Block, mit einem Namen.

    1. Ja, das hab ich bei der Recherche durchaus – unter Anderem – auch so gelesen. Aber eben auch einige anderslautende Historikeransichten und -interpretationen. So ein wirkliches 100%iges „So und nicht anders“ konnte ich jetzt nicht finden, aber ich saß da jetzt auch keine tagelang an der Recherche.

      Davon ab, dass die sich selbst lt. manchem Historiker abseits von einzelnen lustigen Tribes so überhaupt nicht als Ganzes verstanden und gesehen haben. Das war dann ein doch eher sehr schleichender Prozess und wenn wir uns die heutige Situation so ansehen, bin ich mir gar nicht sicher, ob der schon abgeschlossen ist ;)

Kommentieren Sie gerne mit Ihrer Ansicht

Wenn Ihnen gefällt, was Sie hier lesen und Sie mich unterstützen möchten (Wordpress.com kostet ja immerhin ein bisschen was), dann können Sie das gerne via PayPal tun. Über den Button "Paypal Me Spende" unten kommen Sie zu meinem PaypalMe. Alternativ können Sie sich auch über den zweiten Button meine Throne Page anschauen und mir darüber etwas zukommen lassen. Oder Sie lesen mir einfach weiterhin einfach so zu, ohne Spende. Alle 3 Optionen sind völlig legitim und valide :)

Entdecke mehr von ohnefilter.blog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen