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Gedankenmus, zum Konsum geeignet. Lektüre auf eigenes Risiko. Sie entscheiden selbst.


Was man halt so ertragen muss

Unser Bundesfriedrich, der Herr Merz, greift gerade ungewollt relativ viel Negativfame ab mit einer Aussage, die man so tatsächlich nicht von einem Regierunschef hören möchte.

In einem Spiegelinterview sagte er

Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.

und spielt damit auf Anfeindungen und offene, drastische Kritik in Social Media an. Das ist nicht nur inhaltlich falsch, denn bereits zu Merkels Zeiten spielte Social Media bereits eine Rolle und auch Scholz wurde nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Es ist auch von der Message her denkbar ungünstig und etwas, wovon ich – als jemand der beruflich sehr viel mit Kommunikation zu tun hat – ihm als sehr energisch abgeraten hätte, wäre ich sein PR/Social Media Berater.

Und selbst vor Merkel und Scholz und damit vor dem Aufkommen und der Hochzeit von Social Media und dem Internet als solchem, wurden Kanzler jetzt nicht gerade zimperlich angefasst von der breiten Öffentlichkeit. Man erinnere sich zum Beispiel hier an Kohl, dem mitunter schon mal Eier entgegenflogen:

Und wer mal „Kohl Birne“ in Google eintippt, wird schnell merken, dass es auch schon vor dem Internet Memes gab. Und die waren eher selten zimperlich und schon gleich gar nicht besonders vorteilhaft. Es gibt also mindestens schon mal 3 Kanzler vor Ihnen, Herr Merz, die nicht nur mindestens mal das selbe Maß an öffentlicher Verballhornung ertragen mussten wie Sie, sondern durchaus deutlich mehr. Bis hin zu tatsächlichen Angriffen, wie die Sache mit Kohls Eiern zeigt.

It comes with the territory

Von einem Regierungschef würde ich mir etwas mehr dicke Haut erwarten. Immerhin: als Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland haben Sie es mit Leuten wie Trump zu tun, die nun wirklich fragwürdige Umgangsformen pflegen. Zudem stehen sie an der Spitze einer Regierung, die viel sagt, wenn der Tag lang ist, aber herzhaft wenig davon auch umsetzt und wenn, dann eher nicht so, wie erhofft und angekündigt. Allein das prädestiniert sie schon dazu, von der Öffentlichkeit nicht besonders umjubelt zu werden.

Zudem stehen gerade Sie, Herr Merz, wie kein Zweiter in Deutschland für das Phänomen des Elfenbeinturms. Sie sollen die Geschicke von Bürgern lenken und leiten, deren tägliche Bürden Sie nicht nur nicht verstehen, sondern die Sie selbst nie erleiden mussten. Ob der Laib Brot nun 2,30€ kostet oder 5,50€, das bekommen Sie doch gar nicht mit. Das hat natürlich auch zur Folge, dass Sie den Unmut, den das tägliche Leben in der Bundesrepublik Deutschland unweigerlich mit sich bringt, weder verstehen noch nachvollziehen können und damit trifft Sie natürlich der Umstand „Menschen mögen mich ja gar nicht! Und die sagen schlimme Dinge zu mir/über mich!“ völlig unerwartet, das verstehe ich ja. Glauben Sie mir: das kommt alles Andere als unerwartet und wären Ihre Berater auch nur 10% deren Gehälter wert, hätten die Sie da entsprechend vorgewarnt. Das war alles mehr als abseh- und erwartbar.

Um es mal sehr deutlich für Sie herunterzubrechen, Herr Merz: doch, das mussten vor Ihnen auch schon andere Kanzler ertragen und, entschuldigen Sie bitte den kurzen Ausbruch, das ist auch Ihr gottverdammer Job. Sie müssen auch für den Mist geradestehen, den Sie verzapfen und das Echo ertragen. Das ist Teil des Jobs.

Stilblüten für die Merz’sche Tränendrüse

Ich arbeite seit nunmehr 18 Jahren bei meinem aktuellen Arbeitgeber als Community / Social Media Manager im Onlinegaming. Wenn mich Menschen fragen, was ich denn so hauptsächlich in meinem Job tagtäglich tue, dann antworte ich gern wie folgt:

Ich entschuldige mich am laufenden Band für Dinge, für die ich nichts kann.

Spielfehler, Preisentscheidungen, Game Design Entscheidungen, so gut wie nichts von dem, was im Spiel geschieht, wird auch von mir entschieden. Aber es wird von mir kommuniziert. Ich bin derjenige, der das Feedback abbekommt, sammelt, filtert und weiterleitet. Für die Spieler jedoch bin ich auch derjenige, der es verbockt hat und beheben muss. Der Nachteil daran, dass der Spieler ja nie einen Entwickler, Game Designer, Product Manager oder gar Firmeninhaber zu Gesicht bekommt, ist auch, dass es für den Spieler halt so aussieht, als wäre alles meine Schuld.

Entsprechend ungehalten und unfreundlich sind viele Spieler dann auch. Das ist wie bei der Hotline Eures Internetproviders oder irgendeines anderen Anbieters auch: die arme Sau am Telefon kann noch am Wenigsten für alles, aber genau die Person ist es, die angeschrien wird. Weil man halt nur die Person auch greifen kann.

Zugegebenermaßen hinkt der „Vergleich“ in einem ganz elementaren Punkt, der jedoch nicht FÜR Merz spricht, sondern eher noch gegen ihn: anders als ich oder der Hotlinesupporter wird Merz für Dinge gescholten, die durchaus auch per Job Description in seinem höchsteigenen Verantwortungsbereich liegen.

An der Stelle möchte ich mal ein paar Stilblüten zum Besten geben, die verdeutlichen sollen, warum ich Merz diesbezüglich für außerordentlich weinerlich halte.

Disclaimer: die folgenden Nachrichten/Tickettexte sind sinnwahrend aus allerlei Sprachen übersetzt und DSGVO-ensprechend anonymisiert und bieten keinerlei Möglichkeit, Rückschlüsse auf echte Personen zu ziehen.

Fall 1

Der Spieler hat nachweislich einen Exploit genutzt, um sich einen unlauteren Vorteil gegenüber Spielern zu verschaffen, die regelentsprechend spielen. Er wurde daher für 90 Tage gesperrt, die unrechtmäßig erlangten Ressourcen im Spiel wurden genullt.

Tickettext des Spielers:

Ihr verdammten Hurensöhne. Ihr entsperrt mich besser sofort, sonst kracht es hier richtig. Ihr habt doch den Fehler überhaupt erst eingebaut und jetzt werde ICH dafür bestraft, dass Ihr Scheißfladen Euch keine vernünftigen Entwickler leisten könnt, die keine Fehler machen! Ihr entsperrt mich jetzt sofort oder ich verklage Euch!

Ticketantwort von uns:

Lieber [Spielername],

wir verstehen, dass die Situation für keinen der Beteiligten, dich wie uns, angenehm ist. Wir möchten jedoch zu bedenken geben, dass der initiale Fehler hier ein anderer war, nämlich deine Entscheidung, einen Spielfehler zu deinem eigenen Nutzen auszunutzen. Diese Entscheidung hast du selbst getroffen, wir haben sie dir nicht aufgezwungen.

Unsere AGB sind dahingehend eindeutig und entsprechend dieser Regelungen wurde auch verfahren.

Wir betrachten die Angelegenheit damit als erledigt und werden auf dieses Ticket nicht weiter antworten, da sich unsere Antwort nicht ändern wird.

Mit freundlichen Grüßen

Fall 2

Der Spieler hat ein großes Netz an sogenannten Multiaccounts betrieben. Multiaccounting bedeutet, der Spieler betreibt mehr als nur einen Account. In den meisten Onlinegames ist dies verboten, da man sich damit mehr Vorteile verschaffen kann, z.B. mehr Ressourcen erwirtschaften, als Spieler, die sich an die Regeln halten und nur einen Account bedienen. Zudem werden diese Multiaccounts oftmals automatisiert betrieben, via Scripten und Tools, statt sie manuell zu bespielen. Auch dies stellt einen AGB Verstoß dar. Entsprechend unserer Richtlinien wurden sämtliche Accounts (in dem Fall weit über 300) des Spielers inklusive des Hauptaccounts (also der, der eigentlich bespielt wird und von den Multis profitiert) für ein Jahr gesperrt.

Tickettext des Spielers:

Sie können mir gar nichts beweisen! Ich verlange, dass Sie sämtliche Accounts umgehend entsperren. Ich werde anderenfalls meinen Anwalt einschalten und SIE PERSÖNLICH auf Schmerzensgeld verklagen!

Ticketantwort von uns:

Lieber [Spielername],

wir verstehen, dass die Situation für keinen der Beteiligten, dich wie uns, angenehm ist. Wir möchten jedoch zu bedenken geben, dass der initiale Fehler hier ein anderer war, nämlich deine Entscheidung, entgegen der Spielregeln und unserer AGB Multiaccounts zu betreiben. Diese Entscheidung hast du selbst getroffen, wir haben sie dir nicht aufgezwungen.

Unsere AGB sind dahingehend eindeutig und entsprechend dieser Regelungen wurde auch verfahren.

Wir betrachten die Angelegenheit damit als erledigt und werden auf dieses Ticket nicht weiter antworten, da sich unsere Antwort nicht ändern wird.

Mit freundlichen Grüßen

Fall 3

Der Spieler hat einen anderen Spielern in einer Ingamenachricht schwer beleidigt und bedroht. Er wurde aufgrund der Schwere der Beleidigung und der Ernsthaftigkeit der Drohung permanent gesperrt.

Tickettext des Spielers:

Du dreckiges Stück Scheiße auf einem Kamelhuf. Ich werde dich und deine ganze Familie vergewaltigen, dir die Augen ausreißen und dann in deinen Schädel scheißen! Du nutzloser Hund!

Ticketantwort von uns:

Lieber [Spielername],

die Entscheidung über dein eigenes Verhalten triffst einzig und allein du. Diese Entscheidung hast du selbst getroffen, wir haben sie dir nicht aufgezwungen. Niemand hat dich gezwungen, einen anderen Spieler zu beleidigen und ihm gar zu drohen.

Unsere AGB sind dahingehend eindeutig und entsprechend dieser Regelungen wurde auch verfahren.

Wir betrachten die Angelegenheit damit als erledigt und werden auf dieses Ticket nicht weiter antworten, da sich unsere Antwort nicht ändern wird.

Mit freundlichen Grüßen

Bei diesen 3 exemplarischen Beispielen möchte ich es an der Stelle auch belassen. Sie stehen in der Tat exemplarisch für das, was tagtäglich dutzendhaft in meiner Inbox landet. Dem aufmerksamen Leser wird indes ein bestimmtes Muster in meinen Antworten aufgefallen sein.

Ein ähnliches Muster würde ich mir auch von Herrn Merz wünschen. Professionalität, Sachlichkeit, Beschränkung aufs Wesentliche. Vor Allem aber auch: kein weinerliches Getue. Das passt nicht zum Job, Herr Merz. Ganz und gar nicht. Und bei allem Respekt, im Vergleich zu dem, was tagtäglich in meiner Inbox landet, geht der Souverän auf Social Media mit Ihnen in aller Regel noch recht zimperlich um, Herr Bundeskanzler.

Also seien Sie bitte kein Weichei. Machen Sie Ihren Job. Für den werden Sie bezahlt, nicht dafür, sich beim Spiegel darüber auszuweinen, wie dolle fies der Bürger zu Ihnen ist.



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