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Ich habe Gott beleidigt!

„Elon Musk stellt Prototyp vor – Der neue Tesla kann fliegen“.

So stand es heute früh bei der WELT auf X, und so oder so ähnlich stand es heute in so ziemlich jedem Deutschen Newsfeed, der sich auch nur entfernt für Autos, Technik oder Elon Musk interessiert. Also in so ziemlich jedem Newsfeed.

Vor 10 Tagen schrieb ich in Halleluja, Bruder! über die Evangelisten unserer Zeit. Über Leute, die nicht mehr mit einem Heftchen an der Haustür klingeln, sondern in den Kommentarspalten sitzen und Ihnen ungefragt erklären, dass Sie bisher alles falsch gemacht haben. Die Tesla-Gemeinde hatte da ja auch schon einen kleinen Gastauftritt.

Was ich damals nicht geschrieben habe, weil ichs in dieser Deutlichkeit noch nicht erlebt hatte: was passiert, wenn man mitten in der Messe aufsteht und anmerkt, dass der Heiland gar nicht übers Wasser gelaufen ist, sondern einen ziemlich spektakulären Sprung hingelegt hat.

Heute weiß ich es. Ich habe nämlich Gott beleidigt.

„Der Tesla kann jetzt fliegen!“

Was ist passiert? Tesla hat in der Nacht auf heute auf dem SpaceX-Testgelände in McGregor, Texas, endlich den neuen Roadster vorgestellt. Endlich deswegen, weil der Wagen 2017 zum ersten Mal gezeigt wurde, die Auslieferung damals für 2020 versprochen war und seitdem gefühlt jeder Termin verschoben wurde, den man irgendwie verschieben kann. Zuletzt noch um 2 Wochen, wegen Unwetter.

Und dann kam die Show. Mit Hilfe von RCS Thrustern, also Kaltgas-Steuerdüsen, wie SpaceX sie in ähnlicher Form bei seinen Raketen zur Lageregelung nutzt, und einer ausgefeilten AI Steuerung hat der Roadster 2 kontrollierte Sprünge hingelegt. Beim spektakulärsten davon ging es über andere Fahrzeuge hinweg, einen Semi inklusive, mit einer Rolle in der Luft und einer sauberen Landung. Rund 7 Meter Höhe, etwa 3 Sekunden in der Luft.

Das sah geil aus. Ehrlich. Das ist eine Ingenieursleistung, vor der ich den Hut ziehe, und jeder, der an dem Ding mitgebaut hat, darf heute Abend gerne ein Bier mehr trinken. Das habe ich auch genau so geschrieben.

Ich habe nur eben auch geschrieben, dass das kein Flug war.

Denn Fliegen, so wie Menschen das landläufig verstehen, heißt, sich in der Luft zu halten. Abheben, eine Strecke zurücklegen, irgendwo anders wieder runterkommen. Ein Flugzeug macht das mit Tragflächen und Auftrieb, ein Hubschrauber mit Rotoren, eine Drohne mit Propellern. Sogar ein Heißluftballon fliegt, auch wenn er dabei eher gemütlich durch die Gegend treibt und man nicht so genau weiß, wo man am Ende landet.

Was der Roadster gemacht hat, ist etwas Anderes. RCS steht für Reaction Control System. Das sind Steuerdüsen. Die sind im Grunde dafür gebaut, etwas, das sich ohnehin schon bewegt, in der Lage zu halten, zu drehen, zu korrigieren. Hier haben die Düsen den Wagen kurz vom Boden gehoben, die Rolle gesteuert und die Landung abgefangen. Das ist ein Sprung. Ein extrem gut kontrollierter, technisch beeindruckender, sauber gelandeter Sprung. Aber eben ein Sprung.

Als Evel Knievel damals mit dem Motorrad über eine ganze Reihe Busse gesprungen ist, hat ja auch niemand behauptet, das Motorrad könne jetzt fliegen. Man hat gesagt: Wahnsinn, was für ein Stunt. Und das war es auch.

Mehr habe ich nicht gesagt. Wirklich nicht.

„Mit dem Ding fliegst du dann einfach übern Stau!“

Das ist der Moment, in dem es lustig wurde.

Denn neben den Leuten, die mir erklären wollten, dass 7 Meter Höhe ja wohl eindeutig Fliegen seien, meldeten sich ganz schnell die echten Wahnwichtel. Leute, die mir in vollem Ernst erzählen wollten, dass sie mit dem Ding jetzt besser durchs Industriegebiet kämen. Man könne ja einfach übern Stau fliegen.

Nein. Kann man nicht.

Mit RCS Thrustern hebt man nicht geschmeidig auf der A-Irgendwas ab, dreht eine kleine Runde über die Blechlawine und setzt dann einen Kilometer weiter im Industriegebiet sanft vor dem Firmenparkplatz auf. Kaltgas-Düsen arbeiten mit Druckgas aus einem Tank. Der ist irgendwann leer, und bei der Wucht, mit der so ein Sprung aus dem Stand passiert, eher früher als später. Für ein paar Sekunden Show reicht das. Für einen Pendlerflug von Ausfahrt zu Ausfahrt nicht mal ansatzweise.

Dazu kommt: nach allem, was vorab von The Information und Reuters berichtet wurde, soll die Thruster-Version nicht mal eine Straßenzulassung bekommen, und das Vorführfahrzeug sollte ferngesteuert und ohne Fahrer unterwegs sein, weil man den Lärm und die Kräfte der Düsen keinem Menschen in direkter Nähe zumuten wollte. Zuschauer sollten mehrere Hundert Meter Abstand halten. Das ist nicht das Auto, mit dem Sie morgen früh zum Bäcker fahren. Und erst recht nicht das, mit dem Sie über den Bäcker drüber fliegen.

Nichts an dem, was das Ding kann, liegt auch nur in derselben Postleitzahl wie das, was Menschen sich unter Fliegen vorstellen. Und das wird sich auch mit noch so vielen RCS Thrustern nicht ändern. Da braucht es grundlegend andere Ansätze.

Kriegt ein Elon Musk mit seinem Geld und den Leuten, die er damit bezahlt, irgendwann einen echten fliegenden Wagen hin? Sicher. Da habe ich überhaupt keinen Zweifel. Das da gestern war es aber halt NICHT.

„Hey Grok, erklär ihm bitte…“

Mein persönliches Highlight des Tages.

Irgendwann im Lauf der Diskussionen hat jemand Grok herbeigerufen. Grok, für alle, die mit X nicht so viel am Hut haben, ist die hauseigene KI von Elon Musks xAI, die man auf X einfach in eine Diskussion taggen kann, damit sie Fragen beantwortet. Der Herr wollte von Grok bitte erklärt haben, wie hoch und wie lange der Roadster denn nun „geflogen“ sei. Grok lieferte brav: ca. 7 Meter, etwa 3 Sekunden.

Ich habe dann einfach nachgefragt, ob das denn nun ein Flug gewesen sei oder doch eher ein kontrollierter Jump mit RCS Thruster Support.

Und Grok so: kontrollierter Jump mit RCS-Thruster-Support. Die Düsen hätten den Roadster abgehoben, die Rolle und die Landung gesteuert. „Kurzer powered Hop, kein anhaltender Flug.“ (Hier kann man sich das in voller Länge anschauen.)

Lassen Sie sich das bitte einen Moment auf der Zunge zergehen. Da ruft einer den Hausprediger der eigenen Kirche zu Hilfe, damit der dem Ketzer endlich mal die Leviten liest. Und der Hausprediger stellt sich hin und sagt: der Ketzer hat recht.

Ich habe selten so gelacht.

„Du linker Depp weißt ja nicht mal, was eine Frau ist!“

Das war leider nicht die einzige Art von Reaktion. Neben den Wahnwichteln und dem Grok-Eigentor gab es noch das, was es auf X eigentlich immer gibt, wenn man einer Gemeinde widerspricht: Beleidigungen. Und zwar die volle Palette.

Ich wurde als linker Depp bezeichnet, der nicht mal weiß, was eine Frau ist. Das ist insofern lustig, als dass man in nur 1-2 Minuten X-Suche problemlos herausfinden kann, dass ich bei dem Thema eher zur entgegengesetzten Gruppe gehöre. Das wäre aber vermutlich zu viel Aufwand. Da reagiert man lieber auf Buzzwords und grobe Themen.

Und ganz oft, wirklich auffällig oft, wurde ich ohne jeden Umweg in die linke Ecke gestellt. Die Meisten haben sich nicht mal die Mühe gemacht, es zu erklären. Der simple Reflex war: „Hat Musk beleidigt. Muss links sein.„. Weder das Eine, noch das Andere trifft zu. Ich habe Musk nicht beleidigt. Und ich bin nicht links.

Was mich daran amüsiert: wer auch nur einen Blick in die Seitenleiste dieses Blogs geworfen hat, weiß, dass ich politisch heimatlos bin. Mehr Milei wagen, mehr Schmidt wagen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich der durchschnittliche X-Krieger unter einem linken Depp vorstellt. Aber das spielte keine Rolle. Denn ich hatte ja etwas viel Schlimmeres getan, als links zu sein. Ich hatte Gott Elon und seinen Tesla nicht als das Geilste seit geschnitten Brot gehuldigt. Ich hatte es gewagt, „Tesla kann jetzt fliegen“ zu korrigieren.

Und was bitte hat die Frage, was eine Frau ist, mit Kaltgas-Düsen zu tun? Richtig. Nichts.

Damit wären wir bei etwas, das mir auf X schon länger auffällt und heute besonders deutlich wurde: die Überschneidung zwischen den lautesten Tesla-Fans und den lautesten AfD-Fans, inklusive ihrer Bot-Armeen, ist bemerkenswert groß. Da stehen dann lustige Bitcoin- und Tesla Hashtags in der Bio neben wirrem Gefasel von treuem Blut und Heimatland.

Fairerweise muss man dazu sagen: nicht jeder Tesla-Fahrer ist AfD-Wähler, und nicht jeder AfD-Wähler betet Elon Musk an. Vor ein paar Jahren war Tesla hierzulande noch das Lieblingsauto der grünen Besserverdiener mit Eigenheim, und davon fahren auch heute noch reichlich durch die Gegend. Ich habe das nicht gezählt, ich habe keine Statistik dazu, das ist eine Beobachtung aus meinen Replies. Aber sie ist ziemlich eindeutig.

Und sie folgt genau dem Muster, das ich schon in Demokratie kann hart sein, sowie unzähligen Blogposts und Posts auf X beschrieben habe: für die Einen ist jeder ein Nazi, der rechts von ihnen steht, für die Anderen ist jeder ein Linksextremist, der links von ihnen steht. Und offenbar reicht es heutzutage schon, nicht bedingungslos zu applaudieren, um auf der falschen Seite zu stehen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer nicht jubelt, ist Feind. Wer korrigiert, ist links.

So funktioniert keine Diskussion. So funktioniert eine Sekte.

„Sei als Deutscher froh, dass wenigstens die Amis noch Innovation können!“

Auch das kam heute mehrfach. In verschiedenen Varianten, mal höflicher, mal weniger, aber immer mit derselben Botschaft: ich als Deutscher solle mal ganz still sein, denn hier bei uns kriege ja niemand mehr was gebacken.

Da bin ich in Teilen sogar bei Ihnen. Dass Deutschland in Sachen Innovation, Digitalisierung und Mut zu großen Würfen gerade nicht unbedingt Weltspitze ist, darüber habe ich mich hier schon mehr als einmal ausgelassen. Wenn in den USA Raketen-Booster senkrecht wieder landen und Satelliten-Internet in jedem Winkel der Welt funktioniert, während bei uns das Funkloch zwischen zwei Dörfern ein Kulturgut ist, dann muss man das anerkennen. Tue ich auch. Gerne sogar.

Nur: das hat mit meiner Korrektur überhaupt nichts zu tun. Ich habe nicht gesagt, dass die Amis nichts können. Ich habe nicht gesagt, dass das, was Tesla und SpaceX da gezeigt haben, nichts taugt. Ich habe gesagt, dass es kein Flug war.

Und das Schönste daran: wen habe ich eigentlich korrigiert? Die WELT. Eine Deutsche Zeitung. Die Übertreibung kam nicht aus Texas, die kam aus einer Deutschen Redaktion, die aus einem Stunt eine Schlagzeile gemacht hat, die sich besser klickt. Wenn hier also jemand Deutsch-Bashing betreibt, dann bin ich das, aber gegen die Deutsche Presse. Nicht gegen die Amerikanische Ingenieurskunst.

„Was hast du eigentlich gegen Elon?“

Nichts. Ernsthaft.

Elon Musk hat Geld. Er hat Ideen, manchmal gute, manchmal ziemlich absurde. Und er bezahlt schlaue Menschen dafür, aus diesen Ideen etwas zu machen. Und die bauen dann coolen Scheiß. Wiederverwendbare Raketen, Satelliteninternet für die ganze Welt, und eben auch einen Roadster, der mit Kaltgas-Düsen über einen Semi springt und dabei eine Rolle dreht. Ich lobe Elon, SpaceX und Starlink gerne und regelmäßig für ihre Leistungen. Wer meine Timeline kennt, weiß das.

Aber Elon Musk ist auch nur ein Mensch. Kein Gott. Kein Messias. Kein Heiliger, dessen Taten man nicht hinterfragen darf. Er macht Dinge richtig, er macht Dinge falsch, er übertreibt gerne mal bei Zeitplänen, wie man am Roadster sehr schön sehen kann, und manche seiner Ankündigungen sind eher Marketing als Physik. Das darf man sagen. Das muss man sogar sagen dürfen.

Und vor Allem braucht er eins garantiert nicht: White Knights. Leute, die sich in jede Diskussion werfen und blind jeden Angriff abwehren, der gar keiner ist. Ich habe Elon nicht angegriffen. Ich habe Tesla nicht angegriffen. Ich habe eine Deutsche Schlagzeile korrigiert. Elon Musk wird morgen früh nicht aufwachen und sich persönlich bei Ihnen bedanken, dass Sie badidol auf X erklärt haben, dass er ein linker Depp ist. Er wird von dieser Diskussion nicht mal etwas mitbekommen. Und selbst wenn: ich wage zu bezweifeln, dass ihn das sonderlich interessieren würde. Ich habe in meinem Buch „Wie ich auf X die Welt veränderte“ ausführlich über White Knights und sonstige Internet-Einhörner geschrieben.

Man kann etwas großartig finden und trotzdem korrekt beschreiben, was es ist. Das schließt sich nicht aus. Im Gegenteil. Wer einen Sprung zum Flug aufbläst, tut der Leistung eigentlich keinen Gefallen. Denn ein Sprung mit Rolle über einen Semi, gesteuert von Düsen und Software, ist für sich genommen schon irre genug. Dafür muss man nichts dazudichten.

Ich habe mich übrigens mit meiner Rolle als Ketzer inzwischen arrangiert. Wie schon bei Apple und Android, wie schon beim Verbrenner. Ich bin es gewohnt, in den Augen der einen Gemeinde ein Abtrünniger zu sein und in den Augen der anderen ein Verräter.

Nur am Ergebnis ändert das nichts.

Halleluja, Bruder. Er springt.



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