Der Oktober ist so ein Monat. Das Laub fällt, die Uhren werden zurückgestellt, und irgendwo auf der Welt passiert grundsätzlich irgendwas, über das man sich auch Jahre später noch aufregen kann. Oder schmunzeln. Oder wundern. Also habe ich mal zurückgeblättert. 1 Jahr, 3 Jahre, 5, 10, 20, 50 und 100 Jahre. Was war da los, im Oktober?
Spoiler: Eine ganze Menge. Und erschreckend Vieles davon ist nie so richtig vorbei gegangen.
Vor 1 Jahr: Oktober 2025
Mitte Oktober 2025 lobte Bundeskanzler Merz die gesunkenen Migrationszahlen und schob dann den Satz hinterher, man habe aber „natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“. Was danach kam, kennen Sie: Empörung, Rassismusvorwürfe, Demos vor der CDU-Zentrale, „Fragen Sie mal Ihre Töchter“, das volle Programm. Grüne und Linke forderten eine Entschuldigung. Laut ZDF-Politbarometer gaben ihm gleichzeitig 63 Prozent der Befragten recht.
Und im Dezember? Ruderte Merz ein Stück zurück und sagte, er würde das heute anders machen.
Ich sag Ihnen, was ich anders machen würde. Ich würde das Problem lösen, statt nur darüber zu reden. Denn das Problem ist ja nicht verschwunden, nur weil die Debatte darüber abgeflaut ist. Es ist immer noch da. Und seit diesem Satz hat Merz nichts getan, was man im Alltag, in der Innenstadt, am Bahnhof, auf dem Heimweg spürbar merken würde, wenn es um innere Sicherheit geht. Nichts.
Das ist das eigentlich Absurde an der Geschichte: Der Kanzler benennt ein Problem, das eine Mehrheit sieht, bekommt dafür Prügel und zieht sich dann zurück. Weder in die eine Richtung konsequent, noch in die andere. Ein Satz, ein Shitstorm, ein halbes Zurückrudern. Und das Stadtbild? Sieht halt aus wie vorher.
Vor 3 Jahren: Oktober 2023
Am 8. Oktober 2023 wählten Bayern und Hessen. In Bayern holte die CSU 37 Prozent, die Freien Wähler 15,8 und die AfD 14,6 Prozent. In Hessen kam die AfD auf 18,4 Prozent, damals ihr bestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland. Die Ampel-Parteien wurden in beiden Ländern abgestraft.
Damals fand man das alarmierend. Heute würde man sich die Zahlen fast zurückwünschen.
Denn inzwischen sind wir ganz woanders. Am 6. September 2026 hat die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent geholt, die CDU kam auf 17,2 Prozent und hat sich damit mehr als halbiert. Zur absoluten Mehrheit fehlten der AfD nur 3 Sitze. Die AfD fährt in Landtagswahlen inzwischen Spitzenergebnisse ein, Wahl um Wahl.
Und was fällt den „Guten“ dazu ein? Brandmauer. Und Verbotsverfahren. Immer noch. Immer wieder.
Wer glaubt, dass man fast die Hälfte eines Bundeslandes mit einer Mauer und einem Verbotsantrag wieder einfängt, der hat sich offenbar noch nie gefragt, warum diese Leute eigentlich so wählen, wie sie wählen. Die Antwort steht übrigens nicht im Verfassungsschutzbericht. Die steht im Alltag der Menschen.
Zum Verbotsverfahren habe ich mich hier schon ausführlicher ausgelassen. Kurzfassung: Für ein Parteiverbot reicht „Das ekelt mich.“ nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat im NPD-Urteil 2017 klargestellt, dass eine Partei nicht nur verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, sondern auch das konkrete Potential haben muss, diese durchzusetzen. Und das gibt die Partei als Ganzes schlicht nicht her. Das wissen auch die, die ständig darüber reden. Deswegen reden sie ja auch nur darüber.
Einen Tag vor diesen Wahlen, am 7. Oktober 2023, hatte die Hamas Israel überfallen. Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, die meisten davon Zivilisten, 251 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Fünf Tage später stand Olaf Scholz im Bundestag und sagte, für Deutschland gebe es in diesem Moment nur einen Platz: den an der Seite Israels.
Terror ist abzulehnen. Ohne Wenn und ohne Aber, und auch ohne das „Ja, aber man muss den Kontext sehen…“, das in solchen Momenten zuverlässig um die Ecke kommt.
Das Problem Gaza wäre im Grunde gar nicht so schwer zu lösen: Man entmachtet die Hamas. Fertig. Nur reicht das halt nicht, und das ist der unbequeme Teil. Im Dezember 2023 hielten in einer Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik- und Umfrageforschung (PCPSR) 72 Prozent der Palästinenser den Angriff für „korrekt“. Nach rund 2 Jahren Krieg, mit Zehntausenden Toten auf der eigenen Seite, waren es in einer späteren Erhebung desselben Instituts immer noch 53 Prozent. Die friedlichen Palästinenser, von denen in jeder Talkshow geredet wird, gibt es sicher. Aber sie sind zu wenige, um irgendetwas zu bewegen.
Und das betrifft nicht nur Gaza. Am Abend des 7. Oktober 2023 verteilten Mitglieder des Netzwerks Samidoun auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln Süßigkeiten, um den Terror zu feiern. Seitdem wird auf Deutschen Straßen immer wieder offen gefeiert, was da passiert ist. Solange Terror gegen Israel bejubelt wird, in Gaza wie in Neukölln, kann es keine friedliche Lösung geben. Weil der Terror zu tief sitzt.
Vor 5 Jahren: Oktober 2021
Am 15. Oktober 2021 stellten SPD, Grüne und FDP ihr Sondierungspapier vor. 12 Seiten, keine Steuererhöhungen, der Kohleausstieg sollte „idealerweise“ auf 2030 vorgezogen werden. Christian Lindner sah eine Chance zur Modernisierung, wie es sie lange nicht gegeben habe, Robert Habeck gar eine „Hoffnungszeit“.
Sie erinnern sich, wie das ausging.
Die Ampel war eine der schlechtesten Regierungen, die wir je hatten. Sie hat Probleme nicht gelöst, sie hat sie gefestigt. Migration, Energie, Wirtschaft, Bundeswehr: Überall wurde viel angekündigt, vieles angefangen und kaum etwas zu Ende gebracht. Dazu eine Uneinigkeit, die bis ins tiefste Mark dieser Regierung reichte. Man hatte nie das Gefühl, dass da 3 Parteien MITeinander regieren. Eher, dass 3 Parteien sich gegenseitig beim Regieren im Weg stehen und das dann öffentlich ausdiskutieren.
Im November 2024 war dann Schluss, im Februar 2025 wurde neu gewählt. Wer jetzt sagt, das sei ja auch eine schwierige Zeit gewesen, mit Krieg und Energiekrise: geschenkt. Schwierige Zeiten sind genau die Zeiten, für die man eine Regierung braucht, die sich einig ist. Und genau das war diese Regierung nie.
Vor 10 Jahren: Oktober 2016
Am 21. Oktober 2016 waren auf einmal Twitter, Amazon, Netflix, Reddit, Spotify und etliche andere große Seiten zeitweise nicht mehr erreichbar. Angegriffen wurde der DNS-Dienstleister Dyn, also quasi das Telefonbuch, das Adressen wie amazon.com in die Adresse des richtigen Servers übersetzt. Fällt das Telefonbuch aus, findet keiner mehr die Nummer.
Das Spannende war, wer da angegriffen hat: Kameras, Router, Babyfone. Das Mirai-Botnetz hatte sich massenhaft vernetzte Geräte unter den Nagel gerissen, die entweder gar kein Passwort hatten oder noch das ab Werk eingestellte Standardpasswort. Die Kaffeemaschine als Waffe, gewissermaßen.
Da brauchts eigentlich keine große Meinung, da reicht ein Reminder: Ändern Sie die Standardpasswörter Ihrer Geräte. Jedes Gerät, jede Plattform, jedes Tool bekommt seine eigenen Zugangsdaten. Wie Sie Ihre Accounts sicher halten, habe ich hier schonmal aufgeschrieben. Lesen Sie es. Ihre smarte Glühbirne wird es Ihnen danken.
Vor 20 Jahren: Oktober 2006
Am 9. Oktober 2006 gab Google bekannt, YouTube für 1,65 Milliarden Dollar in Aktien zu übernehmen. YouTube war damals keine 2 Jahre alt, lieferte aber schon über 100 Millionen Videoabrufe am Tag aus, mit 65.000 neuen Videos täglich. YouTube sollte eigenständig bleiben, die Marke erhalten werden. Und das ist sie ja bis heute.
Das Muster dahinter kennen wir inzwischen gut. Branchenriesen kaufen Startups und Konkurrenten, manchmal, um das eigene Portfolio zu erweitern, und manchmal, um die Konkurrenz gar nicht erst groß werden zu lassen. Google hatte ein Jahr vorher schon Android gekauft und legte 2007 mit dem Werbedienstleister DoubleClick nach. Facebook kaufte 2012 Instagram für eine Milliarde Dollar und 2014 WhatsApp für rund 19 Milliarden. Wettbewerbshüter haben für die Variante, bei der ein Konkurrent vor Allem deshalb gekauft wird, damit er verschwindet, inzwischen sogar einen eigenen Begriff: „Killer Acquisition“. YouTube ist eher das Gegenbeispiel. Hier wurde nichts beerdigt, hier wurde gefüttert, bis daraus eine der größten Plattformen der Welt wurde.
2 Tage vorher, am 7. Oktober 2006, wurde in Moskau die Journalistin Anna Politkowskaja im Aufzug ihres Wohnhauses erschossen. Ausgerechnet an Putins Geburtstag. Politkowskaja schrieb für die regierungskritische Nowaja Gaseta, vor Allem über den Krieg in Tschetschenien, über Folter und über die Verbrechen russischer Truppen an der Zivilbevölkerung. Sie gehörte zu den schärfsten Kritikern Putins. 2014 wurden 5 Männer wegen des Mordes zu langen Haftstrafen verurteilt. Wer den Mord in Auftrag gegeben hat, wurde nie geklärt.
Vor 50 Jahren: Oktober 1976
Am 29. Oktober 1976 wählte die Volkskammer der DDR Erich Honecker zum Vorsitzenden des Staatsrats. Einstimmig, natürlich. Erster Mann der SED war er schon seit 1971, jetzt war er auch formell Staatsoberhaupt. Und kaum 3 Wochen später, am 16. November 1976, wurde Wolf Biermann ausgebürgert. Das passt dann schon ganz gut zusammen.
Man muss sich das immer mal wieder vor Augen halten, gerade weil die DDR heute in manchen Köpfen zu einer Art Ostalgie-Kuscheldecke geworden ist: An der Berliner Mauer starben mindestens 140 Menschen, an der innerdeutschen Grenze kamen nach Zahlen des Forschungsverbunds SED-Staat mindestens 327 Menschen ums Leben. Menschen, die nichts weiter wollten, als dieses Land zu verlassen. Dazu ein Überwachungsapparat, der am Ende über 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter hatte, plus Inoffizielle, die die eigenen Nachbarn, Kollegen und Familienmitglieder bespitzelten.
Das ist nicht der Betriebsunfall des Sozialismus. Das ist sein Ergebnis. Ein System, das den Menschen erst ihr Eigentum und dann ihre Freiheit nimmt, muss sie am Ende einsperren, damit sie nicht weglaufen. Jedes Mal. Wer heute davon träumt, „es diesmal richtig zu machen“, sollte vorher einen Ausflug an die Bernauer Straße machen.
Ganz woanders auf der Welt, am 31. Oktober 1976, kam in Tokio der erste VHS-Videorekorder in den Handel, der JVC HR-3300. Was für eine Innovation das war, kann man sich heute kaum noch vorstellen: Fernsehen, wann man wollte. Filme aufnehmen, zurückspulen, nochmal gucken. Plötzlich bestimmte nicht mehr das Programmheft, wann man was sieht.
Unvergessen die unzähligen Besuche in der Videothek. Videothek, das war ein Laden, der VHS Kassetten verlieh. Man ging hin, wanderte ziellos durch schier endlose Reihen von Regalen mit allerlei VHS Schachteln und suchte sich meist 2-3 Filme aus, die man dann daheim schauen konnte. Wie eine Bibliothek, nur für Filme. Und wenn man die Kassette nicht zurückgespult hatte, kostete das eine Extra-Gebühr.
Und dann ging es Schlag auf Schlag. 1982 kam die CD, Mitte der 90er die DVD, 2006 die Blu-ray. Jede davon hat ihren Vorgänger schneller abgelöst, als der Vorgänger selbst gebraucht hatte, um sich durchzusetzen. Und heute, nur rund 50 Jahre nach dem ersten VHS-Rekorder, sind CD, DVD und Blu-ray im Grunde selbst schon Museumsstücke. Heute wird gestreamed. Die VHS hat ein paar Jahrzehnte durchgehalten. Ihre Nachfolger wurden in einem Bruchteil dieser Zeit ersetzt. Unrettbar. Unaufhaltbar.
Vor 100 Jahren: Oktober 1926
Am 31. Oktober 1926 schoss der 15-jährige Anarchist Anteo Zamboni in Bologna auf Benito Mussolini und verfehlte ihn. Ein faschistischer Mob lynchte den Jungen noch an Ort und Stelle. Und Mussolinis Regierung nutzte den Anschlag, um sämtliche Oppositionszeitungen schließen zu lassen, darunter den sozialistischen Avanti!. In den Wochen darauf folgten die sogenannten „faschistischsten Gesetze“: Oppositionsparteien aufgelöst, ein Sondergericht für politische Vergehen, Verbannung für Regimegegner. Antonio Gramsci, Abgeordneter der Kommunisten, wurde im November verhaftet und kam erst kurz vor seinem Tod 1937 wieder frei.
Und jetzt achten Sie mal auf das Muster.
Ein Anschlag, echt oder herbeigeredet. Ein Notstand. Und dann wird alles abgeräumt, was im Weg steht: Zeitungen, Parteien, Gerichte, Gegner. 1933 brannte der Reichstag, und am nächsten Tag setzte die Reichstagsbrandverordnung die Grundrechte außer Kraft. 2016 scheiterte in der Türkei ein Putschversuch, und danach wurden Zehntausende aus Justiz, Armee und Schulen entlassen und weit über 100 Medien geschlossen.
Das Playbook ist immer dasselbe. Die Diktatoren wechseln, die Uniformen wechseln, die Ausreden wechseln. Das Vorgehen nicht. Wer das einmal verstanden hat, erkennt die ersten Seiten dieses Drehbuchs auch dann, wenn sie in einem anderen Land, in einer anderen Sprache und mit einem freundlicheren Gesicht aufgeschlagen werden.
Kulturell war der Oktober 1926 deutlich angenehmer. Am 14. Oktober erschien „Winnie-the-Pooh“ von A. A. Milne, gleichzeitig in Großbritannien und in den USA. Der Bär, der seither Generationen von Kindern begleitet und dem Honig mehr verfallen ist als jeder Politiker seinem Dienstwagen. Am 22. Oktober folgte mit „Fiesta“, im Original „The Sun Also Rises“, der erste Roman von Ernest Hemingway, in einer Erstauflage von gerade mal gut 5.000 Exemplaren. Und am 31. Oktober, an Halloween, starb Harry Houdini in Detroit an einer Bauchfellentzündung nach einem Blinddarmdurchbruch. Ob ein Schlag in den Magen, den ihm ein Student in Montreal kurz vorher verpasst hatte, damit zu tun hatte, ist bis heute umstritten. Der größte Entfesselungskünstler der Welt, ausgerechnet vom eigenen Blinddarm ausgetrickst.
So viel also zum Oktober. 100 Jahre in einem Rutsch, und man merkt: Die Technik wird schneller, die Bären bleiben niedlich, und die Diktatoren lesen immer noch aus demselben Buch.
Demokratie kann hart sein. Diktatur ist härter.


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