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Gedankenmus, zum Konsum geeignet. Lektüre auf eigenes Risiko. Sie entscheiden selbst.


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Halleluja, Bruder!

Evangelium, aus dem Altgriechischen εὐαγγέλιον. Zusammengesetzt aus εὖ für gut und ἀγγέλλειν für verkünden. Ursprünglich schlicht die gute Nachricht, später die Heilsbotschaft, und wer sie unters Volk bringt, ist der Evangelist.

In weniger schwülstig: Jemand, der Ihnen ungefragt erzählt, dass Sie bisher alles falsch gemacht haben und nur er den richtigen Weg kennt.

Früher klingelten die an der Haustür und hatten ein Heftchen dabei. Heute brauchen die keine Haustür mehr. Die sitzen in den Kommentarspalten, unter jedem Produkttest, unter jedem Zeitungsartikel zur Energiewende, unter jedem Post, in dem irgendjemand das Wort „KI“ in den Mund nimmt. Und sie haben nach wie vor eine Botschaft, nur geht es heute nicht mehr ums Seelenheil. Heute gehts um Smartphones, Autos und Kraftwerke.

Ich habe mit Religion an sich kein Problem. Glauben Sie, woran Sie wollen. Ich habe nur ein Problem damit, wenn man mich bekehren will. Und zwar ausgerechnet bei Dingen, die mit Glauben eigentlich gar nichts zu tun haben sollten.

„Wer kein iPhone hat, hat kein Telefon!“

Fangen wir mit dem Harmlosesten an, der Mutter aller Fanboy-Kriege.

Die Apple-Gemeinde weiß, dass alles, was nicht aus Cupertino kommt, minderwertiger Plastikschrott für Leute ist, die es halt nicht besser wissen. Die Android-Gemeinde wiederum weiß, dass Apple-Nutzer überteuerte, eingezäunte Spielzeuge kaufen, weil sie sich von einem angebissenen Obst haben hypnotisieren lassen. Beide Seiten haben Argumente, beide Seiten haben Benchmarks, und beide Seiten haben vor Allem eins: eine erstaunliche Menge Zeit, sich darüber im Internet die Köpfe einzuschlagen.

Ich nutze übrigens beides. Apple und Android, je nachdem, wofür. Was mich in den Augen der Einen zum Abtrünnigen macht und in den Augen der Anderen zum Verräter, der heimlich mit dem Feind kollaboriert. Ich habe mich damit arrangiert.

Denn mal ganz nüchtern betrachtet: es ist ein Telefon. Ein ziemlich gutes Telefon, egal von wem, mit dem man telefoniert, schreibt, fotografiert, im Internet rumhängt und im Zweifel auch dumme Kommentare unter Produkttests verfasst. Das eine ist in manchen Dingen besser, das andere in anderen. Das eine kostet mehr, das andere gibts in jeder Preisklasse. Das eine passt besser zu dem, was jemand ohnehin schon zu Hause stehen hat, das andere lässt sich besser an die eigenen Vorlieben anpassen.

Und genau da liegt der Punkt, den die Missionare beider Seiten so konsequent übersehen: nicht jeder hat dasselbe Budget. Nicht jeder hat denselben Usecase. Nicht jeder hat dieselben Präferenzen. Der Eine will, dass alles einfach funktioniert und nichts eingestellt werden muss. Der Andere will an jeder Schraube selbst drehen. Der Dritte will einfach nur ein Gerät für 200 Euro, mit dem er WhatsApp schreiben kann, und hält beide Lager für ein bisschen verrückt.

Alle 3 haben recht. Für sich.

Was mich an der ganzen Sache wirklich amüsiert: es geht mich doch überhaupt nichts an, womit Sie telefonieren. Mein Telefon wird nicht schlechter, weil Sie ein anderes haben. Ihres wird nicht besser, weil Sie mich überzeugt haben. Solange das, was ich nutze, mich zufriedenstellt, kann mir doch herzlich egal sein, was in Ihrer Hosentasche steckt.

Kann es. Ist es auch.

„Verbrenner fahren nur Ewiggestrige!“

Beim Auto wirds dann schon etwas zäher, denn da kommt zur Glaubensfrage noch eine ordentliche Portion Moral dazu.

Auf der einen Seite die E-Gemeinde, in ihrer reinsten Form die Tesla-Bubble. Wer heute noch einen Verbrenner fährt, ist wahlweise ignorant, rückständig, klimafeindlich oder alles zusammen. Auf der anderen Seite die Verbrenner-Fraktion, die das E-Auto für einen rollenden Feuerlöscher-Testfall hält, für ein Spielzeug für Besserverdiener mit Eigenheim und ein grünes Umerziehungsprojekt. Fairerweise muss man sagen: die Verbrenner-Evangelisten sind keinen Deut besser. Wer jedem E-Auto-Fahrer erklärt, dass er sich einen Haufen Sondermüll gekauft hat, missioniert genauso. Nur eben mit Auspuff.

Und auch hier wieder: dein Usecase, mein Usecase.

Ich fahre einen Verbrenner. Einen treuen, alten Mazda 3, den man im Grunde nur kaputt bekommt, wenn man es wirklich drauf anlegt. Und ich fahre ihn nicht, weil ich E-Autos prinzipiell doof finde. Tue ich nicht. Ich fahre ihn, weil die Rechnung für mich schlicht nicht aufgeht.

Ich bin Mieter. Ich habe keine eigene PV-Anlage auf dem Dach, weil es nicht mein Dach ist. Und eine Wallbox? Ja, klar, seit Ende 2020 gibt es sogar einen gesetzlichen Anspruch für Mieter, dass der Vermieter den Einbau erlauben muss. Klingt super. In der Praxis zahlt man das komplett selbst, und in einer Wohnanlage muss der Vermieter das dann erstmal mit der Eigentümergemeinschaft durchziehen. Mein Vermieter hat erkennbar keinen Bock, sich mit den anderen Eigentümern zu streiten. Kann ich ihm nicht mal verdenken. Ich hätte da auch keinen Bock drauf.

Ohne Wallbox und ohne eigene PV lohnt sich E für mich aber nicht. Dann hänge ich an öffentlichen Ladesäulen zu deren Preisen, und der ganze schöne Kostenvorteil, mit dem mir die Evangelisten seit Jahren die Ohren volljammern, löst sich in Luft auf.

Und dann ist da noch der Anspruch. Ich will keine lustige Tupperdose auf 4 Rädern im Stil eines Renault Twizy. Ich will ein vernünftiges Auto. Mit Platz, mit Reichweite, mit allem, was ich von meinem jetzigen Auto auch gewohnt bin. Und vernünftige E-Autos kosten nun mal entsprechend. Neu sowieso. Und gebraucht?

Da wirds dünn. Gebrauchte E-Autos kamen im ersten Halbjahr 2026 laut einer Auswertung von Carvago auf gerade mal 8,8 Prozent Anteil am deutschen Gebrauchtwagenmarkt. Bei den Händlern machten sie im Juni laut Autoscout24 nur 6 Prozent des Bestands aus, und der durchschnittliche Angebotspreis lag bei gut 37.000 Euro. Das ist kein Gebrauchtwagenmarkt, auf dem man mal eben entspannt ein bezahlbares, vernünftiges Auto für den Alltag findet. Das wird. Irgendwann. Aber es ist noch nicht.

Heißt das, E-Autos sind Mist? Nein. Wer ein Eigenheim hat, PV auf dem Dach, eine Wallbox in der Garage und hauptsächlich Kurzstrecke fährt, für den ist ein E-Auto vermutlich eine ziemlich gute Idee. Soll er machen. Ich gönne es ihm von Herzen.

Ich habe nur seinen Usecase nicht. Und er hat meinen nicht. Beide sind legitim. Das ist alles.

„Die Erneuerbaren schaffen das allein!“

Jetzt wirds ernst. Denn bei Apple gegen Android geht es im schlimmsten Fall um ein paar verlorene Abende in irgendwelchen Foren. Bei der Energieversorgung eines Industrielandes geht es um ein bisschen mehr.

Und gerade hier, wo man eigentlich Ratio, Vernunft und Realismus bräuchte wie sonst kaum irgendwo, findet man vor Allem: Ideologie. Glaubenssätze. Evangelisten.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Ich habe nichts gegen Wind und Sonne. Erneuerbare Energien haben eine ganze Menge Vorteile. Der Rohstoff ist kostenlos, er wird nicht aus Ländern importiert, die uns nicht wohlgesonnen sind, und die Anlagen stoßen im Betrieb kein CO2 aus. Alles richtig. Alles gut.

Aber: der Wind weht, wann er will. Die Sonne scheint, wann sie will. Und nachts schonmal gar nicht. Wer jemals im deutschen Winter auf eine Woche Hochnebel bei Windstille geschaut hat, weiß, wovon ich rede. Das Ding hat sogar einen eigenen Namen: Dunkelflaute.

Wie sich das auswirkt, konnte man im ersten Quartal 2025 schön beobachten. Weil der Wind schwächelte, kamen laut Statistischem Bundesamt 50,5 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus konventionellen Quellen, also vor Allem aus Kohle und Gas. Übers ganze Jahr 2025 lag der konventionelle Anteil bei 41,4 Prozent, und die Stromerzeugung aus Erdgas erreichte den höchsten Stand seit 2018. Das ist der Stand eines Landes, das sich seit Jahren als Weltmeister der Energiewende feiert.

Die Antwort der Evangelisten darauf lautet: Speicher. Und im Prinzip stimmt das ja sogar. Wenn man den Strom, den man mittags zu viel hat, nachts und bei Flaute wieder rausholen könnte, wäre ein großer Teil des Problems gelöst.

Nur: wir haben diese Speicher nicht. Im Juli 2026 lag die installierte Batteriekapazität in Deutschland bei 29,8 Gigawattstunden, und rund drei Viertel davon stehen als Heimspeicher in privaten Kellern, wo sie in erster Linie das eigene Haus versorgen und nicht das Netz. Klingt trotzdem nach viel? Deutschland hat 2025 rund 438 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt, das sind im Schnitt etwa 1.200 Gigawattstunden am Tag. Unsere gesamte Batteriekapazität, Heimspeicher eingerechnet, reicht also rechnerisch für eine gute halbe Stunde. Eine halbe Stunde. Und eine Dunkelflaute dauert nicht eine halbe Stunde, die dauert Tage.

Branchenanalysen gehen davon aus, dass wir schon 2030 rund 125 Gigawattstunden bräuchten und bis 2045 eher 500 bis 600. Wir hinken da nicht ein bisschen hinterher. Wir hinken da meilenweit hinterher.

Und was macht der Staat, um mehrtägige Dunkelflauten zu überbrücken? Er schreibt ab September 2026 9 Gigawatt Langzeitkapazitäten aus. Und raten Sie mal, wer davon vor Allem profitiert. Richtig. Neue Gaskraftwerke.

Dazu kommt der Strom, den wir einkaufen. Deutschland war 2025 erneut Nettoimporteur, mit einem Überschuss von rund 22 Terawattstunden. Laut Bundesnetzagentur stammten von den Importen 14,3 Terawattstunden aus Kernkraftwerken, allen voran aus Frankreich. Der Vollständigkeit halber: importiert wird oft schlicht, weil der Strom aus dem Ausland in dem Moment billiger ist, nicht zwingend, weil hier gerade das Licht ausgehen würde. Das ändert aber nichts an der Pointe. Wir haben unsere eigenen Kernkraftwerke abgeschaltet und kaufen den Atomstrom dann eben bei den Nachbarn ein. Das ist, mit Verlaub, keine Energiewende. Das ist Outsourcing mit gutem Gewissen.

Ich sage es ganz offen: Kernkraft hätte nicht verlassen werden dürfen. Das war, im Vergleich zu dem, womit wir die Lücke jetzt stopfen, saubere und vor Allem zuverlässige Energie. Grundlastfähig, unabhängig vom Wetter, ohne CO2 im Betrieb.

„Und der Atommüll?!“

Ja, der Atommüll. Das große Totschlagargument. Ich halte das Problem für deutlich kleiner, als es uns seit Jahrzehnten erzählt wird, und da ist eine ganze Menge Panikmache drin. Der hochradioaktive Abfall macht nach Angaben von Quarks nur rund 5 Prozent des gesamten Atommüll-Volumens aus. Und genau an diesem Teil wird geforscht, Stichwort Transmutation. Die Idee: das, was Andere Müll nennen, mit Neutronen beschießen, dabei noch Energie gewinnen und am Ende Reste haben, die statt hunderttausender Jahre nur noch einige Hundert bis 1.000 Jahre strahlen. In Belgien entsteht mit MYRRHA eine Forschungsanlage dafür, die Genfer Firma Transmutex arbeitet an einem eigenen Konzept. Ehrlicherweise: einsatzbereit ist das noch nicht, MYRRHA soll erst 2036 in Betrieb gehen. Aber es zeigt, dass „Müll“ hier eher eine Frage der Perspektive ist als ein Naturgesetz.

Dazu kommen neuere, kleinere Reaktortypen, die sogenannten Small Modular Reactors. In Kanada wird am Standort Darlington gerade der erste netzgebundene SMR der G7 gebaut, fertig sein soll er bis Ende des Jahrzehnts.

Und während wir hier den Ausstieg feiern wie einen Sieg, steigen andere Länder schlicht aus dem Ausstieg aus. Belgien hat im Mai 2025 seinen Atomausstieg per Parlamentsbeschluss mit großer Mehrheit gekippt und hat inzwischen sogar den Rückbau seiner Kraftwerke gestoppt. Der Schweizer Bundesrat will das 2017 beschlossene Neubauverbot für Kernkraftwerke wieder aufheben. Und Italien, das nach Tschernobyl ausgestiegen war, hat im September das Gesetz für die Rückkehr zur Kernenergie durch den Senat gebracht.

Und Deutschland? Hält fest. Aus Prinzip. Weil man es so beschlossen hat und weil Umkehren ja bedeuten würde, sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Unsere alten Meiler sind zum großen Teil ohnehin schon im Rückbau, für die ist der Zug vermutlich abgefahren. Aber dass man nicht mal mehr darüber reden darf, ob und wie Kernkraft in Zukunft wieder eine Rolle spielen könnte, ohne sofort in die Ecke der Ewiggestrigen gestellt zu werden, das ist keine Energiepolitik mehr. Das ist Glaubenslehre.

Erneuerbare Energien sind gut. Sie sind wichtig. Aber sie sind nicht der Messias, als den man sie uns verkaufen will. Solange wir zur Grundlastsicherung weiter Kohle und Gas verstromen und Atomstrom beim Nachbarn einkaufen, ist das Evangelium von der 100-Prozent-Erneuerbaren-Republik vor Allem eins: eine schöne Geschichte.

„AI wird uns alle ersetzen!“

Hier kann ich es kurz machen, denn dazu habe ich mich schon ausführlich ausgelassen, zuletzt in Ich habe ein Rad geschnitzt!.

Auch hier gibt es 2 Gemeinden. Die Einen halten AI für Teufelszeug, das uns dumm macht, Kunst klaut und alle arbeitslos. Die Anderen halten sie für den Zauberstab, mit dem man ab sofort nichts mehr selbst können muss. Und beide predigen mit derselben Inbrunst wie die Apple-Jünger und die Tesla-Gemeinde.

Dabei ist AI ein Werkzeug. Nicht mehr, nicht weniger. Und wie jedes andere Werkzeug muss man sie vernünftig benutzen. AI erleichtert Arbeitsabläufe, sie nimmt einem lästige, aber notwendige Arbeit ab, sie macht schneller und effizienter. Was sie nicht macht: den Menschen obsolet. Die AI nimmt Aufgaben weg, nicht den Menschen, der entscheidet. Die finale Entscheidung über Abläufe, über Ergebnisse, über das, was am Ende rausgeht, liegt immer beim Menschen. Und wer das Werkzeug richtig einsetzt, hat danach mehr Zeit für genau die Dinge, für die man einen Menschen braucht.

Ein Hammer baut kein Haus. Aber Sie bauen auch keins, indem Sie gegen Hämmer demonstrieren.

„Und was willst du jetzt von mir?“

Nichts. Ich will Sie zu nichts bekehren. Nicht zu Apple, nicht zu Android, nicht zum Verbrenner, nicht zum E-Auto. Nutzen Sie, worauf Sie Bock haben und was Sie sich leisten können. Ich mache das genauso.

Nur bei der Energie, da hätte ich gern ein kleines bisschen weniger Kirche und ein ganzes Stück mehr Taschenrechner. Denn dem Netz ist völlig egal, woran Sie glauben.

Dem Netz ist nur wichtig, was ankommt.



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