Im April habe ich meinen alten Beitrag Adipositas – Mythen und Realitäten hier nochmal hochgeladen, mit dem Hinweis, dass einige Zahlen darin nicht mehr aktuell sein könnten. Zeit, das nachzuholen. Nicht, weil mich die Waage plötzlich lieb hat, sondern weil sich drumherum ein paar Dinge getan haben, über die man reden muss. Vor Allem über Semaglutid, also Wegovy und Co., und darüber, wie man in Deutschland eigentlich an so ein Ding kommt.
Spoiler: gar nicht. Zumindest nicht über die Kasse.
Erstmal der Kassensturz in eigener Sache. Damals, im Oktober 2023, stand ich bei 129kg, gestartet war ich in die zweite Abnehmrunde mit 146kg. Heute schwanke ich wieder zwischen 135 und 140kg. Kein Drama, aber auch nichts, was ich schönreden will. Wer den alten Post gelesen hat, weiß, dass ich vom „Liebe dich selbst, wie du bist“ wenig halte. Ich liebe mich bei 138kg ungefähr genauso wenig wie bei 129.
„Dann lass dich halt operieren!“
Hab ich versucht. Bei rund 128kg habe ich mich auf den Weg zur bariatrischen OP gemacht. Wer jetzt denkt, das sei der bequeme Ausweg für Faule: Sie haben keine Vorstellung davon, wie viele Ärzte man dafür abklappern muss. Ernährungsberatung, Ernährungsmediziner, Chirurg und noch so Einige mehr. Alles erledigt, alles abgehakt, alle Stempel im Heft. Fehlte nur noch Einer: der Psychologe mit seinem Gutachten.
Und da war Schluss.
Ich habe über 15 niedergelassene Psychologen angerufen. 9 davon nahmen schlicht niemanden mehr auf. Voll. Der Rest hätte mich genommen, aber nur gegen volle Privatzahlung. Und ja, es gab auch welche, die Kapazitäten gehabt hätten. In 200, 300km Entfernung. Einfache Strecke. Für ein kurzes Gespräch, an dessen Ende ein Gutachten steht. Das ist kein Termin mehr, das ist ein Tagesausflug.
Die Kassen werden Ihnen an dieser Stelle gern erklären, so schlimm sei das alles gar nicht. Laut Ersatzkassenverband warten Erwachsene im Mittel 5,7 Wochen auf ein Erstgespräch. Mag sein. Mag woanders auch genau so sein. Hier nicht. Mittelwerte sind ein schöner Trost für alle, die gerade nicht da wohnen, wo der Wert entsteht.
Mein persönliches Highlight auf dem Weg war übrigens der Chirurg, der die OP durchgeführt hätte. Mit meinen 128kg war ich nach seiner Aussage einer seiner „dünnsten“ Patienten. Sie haben richtig gelesen. Gelandet sind wir dann bei einem pragmatischen „Probiers mal so, du hast ja schon mal 53kg abgenommen.“ Fair enough. Der OP-Plan liegt seitdem auf Eis.
„Dann nimm halt die Abnehmspritze!“
Würde ich ja. Ehrlich.
Ich habe im alten Beitrag geschrieben, dass Semaglutid kein Wundermittel ist, und dabei bleibe ich auch. Ohne Ernährungsumstellung und Bewegung bringt das Zeug auf Dauer nichts, und wer es absetzt, ohne sein Verhalten geändert zu haben, hat die Kilos schneller wieder drauf, als er „Lifestyle-Change“ buchstabieren kann. Aber genau als das, was es ist, käme es mir gerade sehr gelegen: als Unterstützung, um wieder auf Kurs zu kommen.
Denn Fakt ist halt: der badidol, der damals 53kg runtergeschwitzt hat, hatte andere Rahmenbedingungen. Heute heißt das Beruf, Stress, wenig Zeit und nach einem langen Arbeitstag eine „Motivation“, die man mit der Lupe suchen muss. Ich kann nicht mit derselben Disziplin und Intensität rangehen wie damals. Das ist keine Ausrede, das ist eine Bestandsaufnahme. Und genau für solche Situationen wären Hilfsmittel ja eigentlich da.
Nur: In Deutschland bekommen Sie Semaglutid zum Abnehmen nicht auf Kasse. Haben Sie Typ-2-Diabetes, reden wir. Ohne Diabetes heißt es Privatrezept und selbst zahlen. Mein letzter Stand lag bei rund 270€ im Monat, je nach Dosierung reicht die Spanne von gut 170 bis gut 300€. Seit dem 1. September gibt es Wegovy auch als Tablette. Erstattet wird die genauso wenig.
Der naheliegende Reflex ist jetzt, auf die Krankenkassen zu schimpfen. Hab ich auch gemacht. Ist aber falsch, und das gehört korrigiert. Die Kassen dürften gar nicht zahlen, selbst wenn sie wollten.
Schuld ist der § 34 SGB V, der sogenannte Lifestyle-Paragraph. Danach sind Arzneimittel von der Versorgung ausgeschlossen, „bei deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht“. Ausdrücklich genannt: Mittel zur Abmagerung, zur Zügelung des Appetits und zur Regulierung des Körpergewichts. Gleich neben Potenzmitteln und Mitteln zur Verbesserung des Haarwuchses.
Lassen Sie das kurz sacken. Adipositas ist eine anerkannte Krankheit, für die es sogar ein eigenes Disease-Management-Programm gibt. Und rechtlich wird sie behandelt wie eine Glatze.
Ändern kann das nur der Gesetzgeber, per Bundestagsbeschluss. Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses hat sich mittlerweile offen für eine Änderung gezeigt, die AOK-Chefin warnt dagegen vor Milliardenkosten. Beschlossen hat der Bundestag bisher: nichts.
Frankreich so: „Bei morbider Adipositas oder schwerer Adipositas mit Begleiterkrankungen zahlen wir.“
Deutschland so: „Lebensqualität. Wie Haarausfall. Nächster bitte.“
„Das können wir uns nicht leisten!“
Fairerweise muss man das Kostenargument ernst nehmen. Würde man Semaglutid jedem verordnen, der unter die Zulassung fällt, also ab BMI 30 oder ab BMI 27 mit Risikofaktor, wäre das ein riesiger Teil der Bevölkerung. Da stehen Zahlen um die 50 Milliarden Euro im Raum. Das will niemand, und das fordert auch niemand Ernsthaftes. Es geht um klare Kriterien, BMI plus Begleiterkrankungen, und mit denen kann man ziemlich sauber abgrenzen, wer die Spritze aus Lifestyle-Gründen will und wer sie medizinisch braucht.
Und dann rechnen wir mal. Am Beispiel von mir.
Laut AOK-App kosten Blutdruckmedikamente, Lymphdrainage und Kompressionsstrümpfe bei mir rund 5.400€ im Jahr. Semaglutid zu meinem letzten Selbstzahlerpreis von 270€ im Monat: 3.240€ im Jahr. Macht eine Differenz von 2.160€. Jedes Jahr. Zugunsten des Medikaments, das die Kasse nicht zahlen darf.
Und das ist noch die pessimistische Rechnung. Denn die Hersteller können die Preise für Abnehmmittel aktuell frei festlegen, verhandelt wird nur bei erstattungsfähigen Medikamenten. Als Kassenleistung wäre der Preis also aller Voraussicht nach niedriger.
Noch dazu behandeln Blutdruckmittel, Lymphdrainage und Kompression nur Folgen. Semaglutid würde an der Ursache ansetzen. Hypertonie bessert sich mit sinkendem Gewicht, das ist keine neue Erkenntnis. Und auch beim Lymphödem bestünde zumindest die Chance auf Besserung. Komplett weg bekommt man es nur in ganz seltenen Fällen, darauf wette ich nicht. Aber die Chance wäre da. Mit Kompressionsstrümpfen allein ist sie das nicht.
Die Kasse zahlt also lieber jedes Jahr 5.400€ für die Folgen, statt 3.240€ für den Versuch, sie loszuwerden. Nicht, weil sie das will. Sondern weil das Gesetz es so will.
Lifestyle halt.


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