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Gedankenmus, zum Konsum geeignet. Lektüre auf eigenes Risiko. Sie entscheiden selbst.


Just vibe-code it!

Seit LLMs richtig gut im Coden geworden sind – zumindest manche davon – höre ich den Satz häufiger. Immer, wenn es lustige Lizenzprobleme oder derlei mit Tools, die man im Einsatz hat, gibt, kommt irgendwann unweigerlicher mit dem Vorschlag an, es doch einfach selbst zu vibe-coden oder nachzubauen.

Ich habe im Grunde genommen kein wirkliches Problem mit Vibe-Coding als solchem, oder insbesondere dem LLM-enhanced Development.

Der Witz am Vibe-Coding ist ja: klar, wenn Laien das nutzen, kommt häufig Unsinn dabei raus.
Oft nutzen das ja aber Menschen, die den kompletten Code durchaus selbst schreiben könnten, aber sich – was für Devs eigentlich mehr als normal ist – gern stumpfe, repetitive Arbeit ersparen, wo möglich.

Wozu den ganzen Mist selbst schreiben, wenn du der LLM klare Anweisungen in „Coder-Speak“ geben kannst und die macht das dann für dich? Das Ergebnis ist genauso gut oder schlecht, wie es wäre, wenn du all den Code selbst runtergerödelt hättest.

Ich kann den Hate auf Vibe-Coding nur zum Teil nachvollziehen. Ich nutze das auch. Tools/Scripts, die mich früher nen halben Tag gekostet hätten, sind jetzt in vielleicht ner halben Stunde fertig. Total gut.

Vor Allem Anthropics Claude tut sich da aktuell ganz groß als absoluter Held unter den LLMs hervor. Claude kann das richtig gut. Mit ein paar präzisen, klaren Ansagen, was genau du bauen willst, wie die Prozesse ablaufen sollen und was die Struktur der Software so sein soll, baut dir Claude echt akzeptablen Code zusammen und das sehr viel schneller, als du es könntest. Als Tool für Menschen, die wissen, wie man vernünftig mit Tools arbeitet, absolute Spitze.

Das führt leider halt auch zu der Annahme unter weniger erfahrenen Internetznutzern, man könne mit LLMs alles in kürzester Zeit sinnvoll selbst coden. Während das relativ problemlos auf simple Tools und noch simplere Webseiten zutrifft, wird das schon spannender, wenn man z.B. richtig komplexe Software nachbauen oder selbst bauen möchte.

Ich hatte unlängst den Fall, dass sich der Bedarf nach einer Team Chat Lösung ergeben hat, nachdem sich die bisher genutzte immer mehr in eine Ecke entwickelt hat, die so nicht mehr wirklich nutzbar ist, außer, man zahlt ordentlich drauf. Eingeweihte ( = Menschen, die dasselbe Problem haben) werden mit dem Hinweis bereits erahnen können, um welche Team Chat Lösung es geht ;)

Der Markt für selbst-gehostete Team Chat Lösungen mit mehr oder minder großem Funktionsumfang für kleines oder gar kein Geld ist ja extrem überschaubar.

Es machte auch jemand den Vorschlag, man könnte das ja selbst vibe-coden. Mein Lachen schallte quasi bis ins Alpenvorland. Ein Team Chat, der Dinge wie real-time layers mit WebSocket, Channels, umfangreichem Usermanagement und Permission-System, File upload, App Anbindung + App, SSO/LDAP Auth Handling, automatischen Reconnects, vernünftig skalierbarem React-Frontend, Emojis, Markdown-Parser und -Renderer, vernünftigem Role Management, Notifications, full text/elastic search und co. kann, baust du nicht mal selbst in ein paar Stunden. Auch nicht mit Claude.

Ich hab mir den Spaß gemacht und Claude gefragt. Claude meinte darauf nur zwei Dinge:

  1. LOL, Knilch, nutz, was es schon gibt!
  2. Können wir machen, dauert aber ohne mich für nen Solo Dev locker 9-11 Monate und mit mir vermutlich immer noch mindestens die Hälfte davon bis alles „irgendwie tut“.

Man kann nicht einfach alles „einfach vibe-coden“. Nicht sinnvoll. Und schon gar nicht als Laie. Anspruchsvollere Software wie eine solche Team Chat Lösung? Ich wage zu behaupten: selbst mit Claude kriegt das kein Laie vernünftig hin. Es gibt da einfach viel zu viel zu bedenken, meine obige Liste ist ja vermutlich nicht mal näherungsweise vollständig.

Fazit?

Für „Ich brauch ne persönliche Webseite!“ oder lustige schnelle Scripts und Tools mit recht dezidiertem Usecase ist Vibe-Coding durchaus der geile, heiße, neue Scheiß. Das kriegt auch ein Laie hin, Claude (und bis zu einem gewissen Effizienzgrad auch andere wie z.B. ChatGPT oder Grok) kompensiert das schon.

Für alles, was etwas anspruchsvoller ist, würde ich auch weiterhin empfehlen, da Fachleute ranzulassen. Entweder Devs, die aus „Gnihihihi….Vibe-Coding!“ ein tatsächlich sinnvolles LLM-enhanced Development machen können oder man kauft sich halt bestehende Lösungen und beißt in den sauren Apfel, dass jeder, der etwas produziert und dafür Lebens- und Arbeitszeit geopfert hat, das auch gern bezahlt bekommen möchte :)



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