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X-odus 2.0

Alle Jahre wieder kommt das „Ich verlasse X!„-Christuskind.

In einer konzertierten Aktion der SPD, Linken und Grünen haben heute mehrere Funktionsaccounts, aber auch Accounts führender Protagonisten der genannten Parteien auf X angekündigt, die Plattform zu verlassen.

Ja, ich weiß, wir haben das alle schon mehrfach gehört/gelesen und nicht wenige der Akteure gehen diesen Schritt zum mindestens zweiten Mal.

Der Text

Damit wir alle wissen, worum es geht, hier die Posts im exakten Wortlaut:

X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr. #WirVerlassenX (1/2)

Wir sind weiterhin auf verschiedenen Plattformen präsent und bleiben dort im Austausch. (2/2)

Fast alle Accounts, die sich an der Aktion beteiligen, nutzen so gut wie unverändert dieselben Textbausteine.

Jeder PR/Social Media Berater, der sein Geld wert ist, hätte den an der „Aktion“ #WirVerlassenX Beteiligten von der Teilnahme energischst abgeraten. Und zwar gleich aus mehreren Gründen, von denen kaum einer wesentlich mit Politik zu tun hat. Ich bewerte die Aktion hier explizit ausschließlich aus dem Standpunkt eines PR/Social Media/Community Fachmanns heraus.

Fragwürdige Glaubhaftigkeit

Manche der Akteure machen das jetzt schon zum mindestens zweiten Mal. WENN man sowas durchzieht, dann final. Endgültig. EIN Mal. Viele der Akteure verlassen jedoch gerade zum mindestens zweiten Mal das böse X.

Je nach eigener politischer Überzeugung, hat man unter Umständen ohnehin schon Probleme damit, gerade den Grünen und Linken so etwas wie Glaubwürdigkeit zu unterstellen. Wenn man jetzt auf Gedeih und Verderb mehrfach A sagt, aber dann so gut wie alles außer A auch macht, hilft das nicht unbedingt.

Accounts, die Widerspruch gar nicht erst zulassen oder sofort blockieren, wenn er kommt, können sich zudem schlecht auf „Wir wollten Austausch und den gibts hier ja nicht!“ beziehen, das fällt auf und zwar nicht positiv.

Desinformation auf X

Wer X wegen Desinformation verlässt, aber gleichzeitig Instagram und TikTok bespielt, als gäbs kein Morgen mehr, macht sich nur lächerlich.

Zum Einen gibt es auf X die sogenannten Community Notes, bei denen die Community unter Selbstregulierung Desinformation aktiv auch als solche flagged. Das funktioniert, im Großen und Ganzen, schon ziemlich gut. Der Anteil unwidersprochener Desinformation auf X ist seit Einführung der Community Notes deutlich spürbar gesunken.

Wer ein wenig schelmisch veranlagt ist, könnte hier noch anführen, dass vor Allem die Grünen und die Linken vermutlich nicht so richtig damit klar gekommen sind, wie häufig ihre eigenen Posts „Opfer“ der Community Notes wurden. Aber wie gesagt, ich möchte hier zunächst einmal gar keine politische Bewertung mit einfließen lassen, sondern rein aus PR/Social Media Expertensicht klarstellen, warum die Aktion denkbar ungünstig ist.

Zum Anderen gibt es gerade solche Community Notes auf Instagram, TikTok, Mastodon, BlueSky und co. nicht und gerade TikTok ist nun nicht dafür bekannt, besonders große Sorgfalt bei der qualitativen und inhaltlichen Bewertung des auf der Plattform eingestellten Contents walten zu lassen. Vor dem Hintergrund erscheint die gegebene Erklärung dann doch schwach.

Reach und Engagement

Auf den Reach bezogen, ist X unschlagbar. Einfach schon, weil sie da die älteren und damit schon ausgebauteren Accounts haben. Solche Kanäle aufzugeben überlegt sich jeder Social Media Manager mehrfach und lässt es in aller Regel dann sein. Lustige persönliche Überzeugungen und Politik hin oder her, aber du gibst nicht ohne Not gut ausgebaute Accounts mit ordentlich Reach auf. Nicht langfristig.

Was das Engagement (was sie in ihrem Textbaustein Austauch nennen) angeht, ist auch das wieder ein zweischneidiges Schwert. Gerade die Grünen haben beispielsweise seit über einem Jahr jedweden Austausch auf X von vornherein ausgeschlossen und den Account nur noch als reine „Rotz es raus!“ Plattform bedient. Man konnte auf Beiträge des Accounts gar nicht antworten. Da kann dann natürlich auch kein Austausch stattfinden.

Dennoch, das Engagement via Likes und Reposts dürfte nicht zu vernachlässigen gewesen sein und all das bringt wieder Reach. Eigentlich willst du den nicht ohne Not aufgeben, wenn du ihn schon mal hast.

Social Media do’s and don’ts

Allein schon die – völlig unpolitische – Betrachtung der Aktion lässt Einen im Grunde nur zu einem einzigen Schluß kommen. Als Community/Social Media Fachmann hätte ich sehr energisch von der Aktion abgeraten. Und da sprechen wir wie gesagt noch nicht mal von Politik, da sprechen wir ausschließlich von best practice und dos and dont’s des Social Media.

Wer immer die teilnehmenden Akteure diesbezüglich berät, hat entweder keine Ahnung oder wurde schlicht komplett ignoriert und rauft sich gerade die Haare. Wobei…kann dem Consultant ja egal sein; seine Beratung hat er ja gemacht und sein Gehalt erhalten, was der Kunde letztlich dann tut, ist ja nicht mehr sein Problem.

Catchy Catchphrase oder lahmer Slogan?

Nicht mal über den Hashtag hat man sich Gedanken gemacht. Jeder Social Media Experte wäre bei #WirVerlassenX in die Bremsen gestiegen und hätte laut „Moooooment, lasst uns da nochmal brainstormen!“ gerufen. Ist auch eine ohne Not vergebene Chance, denn in nur knapp einer Minute bin ich – siehe Beitragstitel – ohne groß Energie darauf zu verschwenden auf einen deutlich besseren Hashtag gekommen: X-odus 2.0. Gut, weil die Akteure es mit Ehrlichkeit nicht so haben, wie wir bereits festgestellt haben, eben nur #X-odus.

Beim nächsten Mal: fragt mich ruhig. Für ein geringes Entgelt, quasi nen Appel und ein Ei, berate ich Euch da gerne.

Im Westen nichts Neues

Am Enttäuschendsten finde ich persönlich ja den stumpfen Content-Rehash. Man hätte sich wenigstens neuen Content ausdenken können.

Ich lege mich fest: die Quote derer, die jetzt laut bei #WirVerlassenX mitmachen und dann ihren Account auch tatsächlich löschen und der Plattform final den Rücken zukehren, wird unter 5% bleiben.

In 5-7 Monaten, wenn halt auf Mastdarm und Blauhimmel nicht genügend Reach rumkommt und bemerkt wurde, dass Insta, Threads und Tiktok zwar Klicks und Likes gibt, aber keinerlei nennenswerten oder gar brauchbaren Austausch, werden die meisten derer, die jetzt „gehen“, still und heimlich hier wieder auftauchen.

Wie jedes Mal.



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