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Gedankenmus, zum Konsum geeignet. Lektüre auf eigenes Risiko. Sie entscheiden selbst.


Zwölf war gut

Ich wäre gerne wieder Zwölf.

Zwölf war gut. Als ich Zwölf war, war die Welt noch in Ordnung. Sicher, nominell hatten wir quasi noch Kalten Krieg, aber faktisch war Frieden. Die Welt war mehr oder minder sicher. Migranten hießen Dragan, Giuseppe oder Piotr. Keiner von ihnen trug Turban, Burka oder 12 Kilometer lange Bärte, die beim Beten lustig vor und zurück wehten. Keiner von ihnen forderte die Errichtung eines Scharia-Staates inmitten des Landes, das ihn mit offenen Armen aufnahm. Im Gegenteil, Dragan, Giuseppe und Piotr, die waren wie wir. Gut, die sprachen mitunter komisch, aber ansonsten arbeiteten sie wie wir, hatten dieselben grundsätzlichen Wertevorstellungen wie wir und vor Allem rannten sie nicht mit Messern, Äxten und co. herum und stachen wild Deutsche ab.

Zwölf war gut. Als ich Zwölf war, waren Afghanistan und Syrien Länder, die man halt mal in Erdkunde gehört hatte. Man wusste nicht viel über sie, sie existierten halt. In Geschichte hatte man gerade zum gefühlt 312. Mal die Zeit des Nationalsozialismus durchgenommen und wusste nun noch besser Bescheid als vorher schon. Nazis waren böse. Zum Glück waren die meisten von denen in der Zwischenzeit tot oder so schrecklich alt, dass von ihnen nun wirklich keine Gefahr mehr ausging. Es gab eine überschaubare Anzahl an Vollidioten, die mit Springerstiefeln und Glatze herumliefen und Parolen brüllten, aber die paar Hanseln nahm keiner ernst und politisch betrachtet bekamen die auch keinen Fuß in die Tür. Warum auch? Die Politik war ok, der Bürger fühlte sich im Großen und Ganzen halbwegs vernünftig vertreten. Der dicke Birnenheini in Bonn machte im Großen und Ganzen alles vielleicht nicht zwingend zu 100% richtig, aber – so sagten es zumindest die Erwachsenen um einen herum – richtig genug, damit man mit wenig Aufwand dran vorbei einfach vernünftig sein Leben leben konnte.

Zwölf war gut. Als ich Zwölf war, kostete mein Mohrenkopfbrötchen – ja, wir dreckigen zwölfjährigen Scheißrassisten nannten die Dinger Mohrenköpfe – 40 bis 50 Pfennig. Die Kugel Eis gab es bei Salvatore für 30 Pfennig. Ich hatte kein Taschengeld. Uns ging es gut, mein Vater war selbständig und wir hatten ein Haus, zwei Autos, drei Hunde und ein eigenes Geschäft. Wir waren sicher nicht reich, aber als die Playstation rauskam (gut, da war ich dann schon Vierzehn oder Fünfzehn) und ich die unbedingt wollte, wurde sie halt gekauft. Genau wie zuvor das Nintendo SNES und der Gameboy. Solche Ausgaben waren drin, problemlos, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Autos wuschen wir Sonntags vor der Garage.

Zwölf war gut. Mädchen begannen gerade eine wundersame Verwandlung von „Igitt, Mädchen!“ zu „Hmmm. Brüste. Mädchen gut, Mädchen Freund!“ durchzumachen. Freibad mit den Klassenkameradinnen, die nun Bikinis trugen, die obenrum langsam auch was zu halten hatten, war immer noch cool, aber jetzt aus anderen Gründen. Und wurde schwierig. Der kleine Mann da unten war schwer unter Kontrolle zu halten anfangs. Von Anfangsschwierigkeiten abgesehen wars aber eine simple Zeit und Welt. Mädchen waren Mädchen. Man passte auf sie auf. Vor Allem aber waren Mädchen halt auch Mädchen und Jungs waren Jungs. Die Anzahl an Geschlechtern und welches welches war, war recht klar eingegrenzt. Biologie gab Einem da auch nicht viel Auswahl. Lustige Haltung und Inklusion gab es nicht. Chromosomen und biologische Geschlechtsmerkmale waren klar, eindeutig und da gabs auch nichts zu rütteln.

Nicht, dass da viel Not gewesen wäre. Freibäder waren, selbst an den vollsten Tagen, keine Vergewaltigungsjagdgründe und 99,9% der Mädchen und Jungs dort mussten keine Angst vor Übergriffen haben.

Es gab keine stetigen Nachrichten über Vergewaltigungen und Übergriffe und auch keine Webseiten wie Messerinzidenz.de. Gut, es gab auch noch keine Webseiten, Punkt. Internet, das hatten vielleicht 1% der Menschen weltweit zu dem Zeitpunkt. Die Anderen hatten Teletext oder gar nix. Gar nix war irgendwie auch ok. Und nein, damit möchte ich nicht sagen, dass ich gern wieder kein Internet hätte :)

Zwölf war gut. Meine besten Kumpels waren Edin, Benjamin, Volker, Sven, Christian, Dragan, Antonio. Der Türke war der Türke, der Jugo der Jugo und der Spaghetti der Spaghetti. Und niemanden hat es gestört. Wir waren beste Kumpels. Gefrotzel gehörte dazu. Von allen an alle. Und alle haben es bestens überlebt. Wir waren bis spät in die Nacht draußen im Sommer, fuhren Rad, Kettcar oder turnten auf Firmengeländen herum. Zumindest, bis die Grünen kamen. Die Polizei, nicht die Politische Partei. Die gab es noch nicht lange und wir hatten ohnehin kein Interesse an Politik.

Zwölf war gut. Ich trug Zeitungen aus, um mir was dazu zu verdienen. Durfte man zwar offiziell erst ab Vierzehn, aber das interessierte keinen. Das Geld ging auf ein Konto, das offiziell der Mutter gehörte. Die Karte hatte ich. Für je Tausend ausgetragene Wochenzeitungen gab es 12 Pfennig.In guten Monaten kamen da schon mal 100 bis 200 DM auf dem Konto an. Das war extrem viel Geld für einen Zwölfjährigen. Davon konnte man ein tolles Zwölfjährigen-Leben haben UND noch was zurücklegen. Als mit Fünfzehn dann Mofa(roller) ein Thema wurde, war genug Geld auf dem Konto, um sich das Teil einfach kaufen zu können. Die Eltern mussten nur 300 oder 400 DM dazu legen, weil sie auf bestimmte Markenhelme und Schutzkleidung bestanden. So lernte man auch gleich, wie man mit Geld umging und damit haushaltete. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre. Wie gesagt, reich waren wir nun nicht, aber Geldsorgen waren etwas, das betraf nur Andere. Es ging uns gut. Trotzdem wurde Wert darauf gelegt, dass ich selbst lernte, wie man auch dabei bleibt. Heute weiß ich das, aber das Geld ist halt immer weniger wert.

Zwölf war gut. Politik, das war etwas, darüber sprachen die Erwachsenen. Unsereins hat das nicht interessiert. Links, rechts, Ausländer, Deutscher, das war uns alles egal. Wenn du cool warst, warst du cool. Mehr zählte nicht. Wenn du Arschloch warst, warst du Arschloch. In beiden Kategorien gab es Jungs und Mädels, die unterschiedlicher Herkunft waren. Die Herkunft hatte aber damit einfach nichts zu tun, weil das keine grundlegenden kulturellen Unterschiede waren, sondern einfach menschliche. Der/die Andere war halt entweder cool oder Arschloch, Punkt. In den grundlegenden Dingen, bei den grundlegenden Fragen, ob man dies oder das macht oder ob dieses oder jenes ok sei, war man sich einig. Der Türke, der zwar jeden Sonntag in seine „Matratze“ musste (Madrasa), war genauso Teil der Clique wie alle anderen. Gut, der hat halt auch nicht von Inshallah und Nacktbars geredet. Gläubig war der nicht. Er war halt das Kind von Eltern, die aus der Türkei stammten. Er selbst war so sehr Moslem wie ich Christ – gar nicht.

Zwölf war gut. Die Welt – zumindest die um mich herum – war eine andere, als ich Zwölf war. Realistischer. Pragmatischer. Niemand hatte Zeit für oder gar Interesse an irgendwelchen Haltungen und „guten Dingen„. An solchen Spinnern lebte man vorbei. Man mied sie. Man lebte sein Leben und hielt die eigene Kiste sauber. Und die Maxime gab man an seine Kinder auch so weiter. Schau, dass deine Kiste sauber ist. Danach kannst du schauen, ob die Kisten der Anderen auch mal durchgewischt werden könnten. Aber erst sorg dafür, dass deine sauber ist.

Das war gut. Das war sogar besser. Denn du selbst hattest nichts davon, wenn du die Kiste der Anderen picobello blank gefegt hast, dafür deine eigene aber halt immer noch aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Es war gut und richtig, zuerst die eigene Kiste auf Vordermann zu bringen. Das war logisch. Pragmatisch. Realistisch. Nicht, dass ich das damals mit Zwölf bereits verstanden hätte oder es auch nur irgendeine Rolle für mich gespielt hätte. Natürlich ist das Hindsight. Natürlich ist das rückblickend betrachtet. Interessiert hat mich das damals nicht und wenn überhaupt, hat mich der stetige Spruch meiner Großeltern und Eltern eher genervt als alles Andere. Ändert nichts daran, dass sie Recht hatten.



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