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Allons-y

Das Rathaus von Limoges ist weg.

Eingeweiht 1883, architektonisch angelehnt an das Pariser Hôtel de Ville, 2 Weltkriege überstanden. Am Samstagabend stürzte erst der Glockenturm in die Flammen, dann brach das Dach auf die unteren Etagen durch, und 2 Drittel der Fassade waren da laut Präfekt schon verschwunden. Das Gebäude sei „in weiten Teilen verloren“, eine „Katastrophe für das Kulturerbe“, verursacht durch einen „vorsätzlichen Akt von Randalierern“. Kein Kurzschluss, keine vergessene Kerze. Mit Absicht.

Am selben Tag wurden in Paris reihenweise Geschäfte geplündert, unter Anderem das Flaggschiff einer großen Kaufhauskette am Boulevard Haussmann und die Celine-Boutique in der Rue Montaigne, weit weg von jeder Demoroute. In Lyon brannte das Tourismusbüro, in Grenoble ein Wohnhaus, rund um die Place de la République in Paris die Autos. Rund 1.200 Festnahmen an einem einzigen Tag.

Und das alles im Rahmen von, nun ja, Schülerprotesten.

„Das sind doch nur Schüler!“

Fairerweise der Reihe nach. Angefangen hat das Ganze Ende September an einem Gymnasium in Créteil, Banlieue, vor den Toren von Paris. Marode Gebäude, überfüllte Klassen, fehlende Lehrer. Das sind berechtigte Anliegen, und ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Schüler dafür auf die Straße gehen. Wer in einer Schule sitzt, in der es reinregnet, darf sich beschweren. Punkt.

Nur ist es dabei halt nicht geblieben. Sehr schnell brannten Mülltonnen, dann Barrikaden, dann Schulen. Ein Lehrer wurde verprügelt, ein Schulleiter durch einen Feuerwerkskörper verletzt, ein anderer mit dem Tod bedroht. Das Innenministerium erklärte schon nach wenigen Tagen, das Ganze habe mit legitimen Forderungen nichts mehr zu tun, sondern trage alle Merkmale städtischer Unruhen.

Wird noch nicht ganz klar, warum man für bessere Schulen Schulen anzünden muss, oder?

Mir auch nicht.

Und dann kam der 17. Oktober. Die Schülerproteste verschmolzen mit einer landesweiten Großdemo „gegen die hohen Lebenshaltungskosten“, 550.000 Menschen laut Behörden, 800.000 laut Veranstaltern. Am Abend stellte sich Innenminister Laurent Nuñez vor die Kameras und sagte einen Satz, den man sich mal auf der Zunge zergehen lassen sollte: Die große Mehrheit der Festgenommenen sei volljährig, man habe es hier nicht mehr mit der Schülerbewegung zu tun.

In den ersten Wochen waren laut Innenministerium noch rund 85 % der Festgenommenen minderjährig. Am Samstag nicht mehr. Die „Schüler“, die in Paris Luxusboutiquen ausräumen und in Limoges Rathäuser abfackeln, sind also mehrheitlich erwachsene Männer, die mit dem Abi vermutlich schon länger nichts mehr am Hut haben. Let’s be honest: vermutlich nie hatten. Sonderlich gebildet sehen die zumindest auf den Bildern nicht aus mit ihren Masken und Hoodies und ihren wut- und gewaltzerfressenen Visagen. Und sie sehen auch eher nach 25 Jahren aus, als nach 15.

Wer genau? Das sagt Ihnen in Frankreich niemand. Der Französische Staat erhebt grundsätzlich keine Daten zu Herkunft oder Religion, das gilt dort als Verstoß gegen die republikanische Gleichheit. Die offizielle Erklärung lautet: Ultralinke. Premier Lecornu sagt, die Bewegung sei von der extremen Linken gekapert worden, im Visier steht vor Allem Mélenchons LFI.

Das mag ja sein. Die Ultralinke kann Krawall, das hat sie oft genug bewiesen. Was mir allerdings bisher niemand erklären konnte: warum bei einem Protest gegen marode Gymnasien in Straßburg Palästinaflaggen geschwenkt werden. Was genau hat Gaza mit dem Lehrermangel in Créteil zu tun?

Ich warte.

„Das hat mit Migration nichts zu tun!“

Donald Trump hat sich, wie könnte es anders sein, auch schon geäußert: Das habe nichts mit Schulen zu tun, sondern mit dem Islam, der ein einst großes Land übernehmen wolle. Belege hat er, wie könnte es ebenfalls anders sein, keine mitgeliefert, und Reuters und AP weisen zu Recht darauf hin, dass die Bewegung mit echten Problemen an echten Schulen angefangen hat.

Beides ist wahr. Und genau da liegt das Problem.

Denn Frankreich kennt diesen Film. 2005 brannten die Banlieues wochenlang, nachdem 2 Jugendliche in Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle in einem Umspannwerk ums Leben gekommen waren. 2023 brannten sie wieder, nach dem Tod des 17-jährigen Nahel in Nanterre. Jedes Mal hieß es: soziale Frage. Armut. Perspektivlosigkeit. Polizeigewalt. Und jedes Mal war, wer auch nur die Worte Integration oder Einwanderung in den Mund nahm, sofort der Böse. Als der damalige Innenminister Retailleau 2023 einen Zusammenhang zwischen Einwanderung und den Krawallen herstellte, hagelte es Rassismusvorwürfe.

Frankreich ist, was passiert, wenn man Menschen, die vor unkontrollierter Zuwanderung und einem politischen Islam warnen, als Nazis framed, statt ihnen zuzuhören. 20 Jahre lang. Bis man irgendwann nicht mehr über die Frage diskutiert, ob es ein Problem gibt, sondern nur noch darüber, wie viele Milliarden Euro Schaden es diesmal angerichtet hat.

Und bevor jetzt jemand ruft, das sei rechte Hetze: Helmut Schmidt hat schon 2004 im Hamburger Abendblatt gesagt, er halte eine multikulturelle Gesellschaft kaum für vereinbar mit der Demokratie. 2005 im Focus Ähnliches. Und bei Maischberger im Dezember 2010 sinngemäß, dass Einwanderung aus fremden Zivilisationen uns mehr Probleme schaffe, als sie uns nütze, und er nannte konkret Afghanistan und Anatolien als Beispiele. Zuwanderung aus fremden Kulturen ist eben nicht trivial. Sie kann gelingen. Sie kann aber, mit Pech und ohne jede Steuerung, auch gefährlich werden.

Helmut Schmidt. SPD. Alt-Bundeskanzler. Wenn der heute in einer Talkshow säße und dasselbe sagte, wäre er nach spätestens 10 Minuten ein „Rechtspopulist“ und nach 20 Minuten ein „Nazi“.

Endstadium

Ich habe vor ein paar Tagen über suizidale Empathie geschrieben, den Begriff von Gad Saad für ein Mitgefühl, das so grenzenlos und so frei von jeder Prüfung ist, dass es am Ende den eigenen Laden abreißt. In Frankreich lässt sich gerade wunderbar beobachten, wie das im Endstadium aussieht.

Der Bürgermeister von Limoges stand vor seinem brennenden Rathaus und sagte, da brenne ein Monument, aber nicht die Republik.

Noch nicht, möchte man ergänzen.

Ich habe, bevor es mich ins Community Management verschlagen hat, mal Radiologieassistent gelernt. Und wenn ich eines aus dieser Zeit mitgenommen habe, dann das: Mit bösartigen Erkrankungen ist es im Grunde immer dasselbe. Wer früh hinschaut, früh erkennt und früh gegensteuert, hat eine gute Chance. Wer den Schatten auf dem Bild ignoriert, weil er so unangenehm aussieht, und den Arzt, der darauf zeigt, als Panikmacher aus der Praxis wirft, hat irgendwann kein Screening mehr. Sondern ein Endstadium. Tumore muss man frühzeitig im Gesunden exzisieren, wenn man eine Überlebenschance haben will.

Oder, um es mit einem Bild zu sagen, das jeder Förster kennt: Eine Brandschneise schlägt man, bevor der Wald brennt. Nicht, wenn die Flammen schon am Waldrand stehen. Dann ist es zu spät, und das Einzige, was man noch tun kann, ist zuschauen.

Frankreich steht inzwischen am Waldrand und schaut zu.

„Bei uns ist das aber ganz anders!“

Ist es das?

Wir haben Mannheim gehabt, Solingen, das Holocaust-Mahnmal, den CSD-Anschlag in Berlin. Wir haben Straßengebete, die Gerichte als politische Versammlung einstufen, und einen Antisemitismus auf den Straßen, der zu einem erheblichen Teil importiert ist. Ich habe das alles hier ausführlich aufgeschrieben, ich erspare Ihnen und mir an dieser Stelle die Wiederholung. Und wir haben vor Allem dieselbe Reflexkette wie die Franzosen: Wer das Muster benennt, ist das Problem. Nicht das Muster.

Frankreich ist uns nicht fremd. Frankreich ist uns nur ein paar Jahre voraus.

Frankreich wird auch hier passieren. Nicht morgen, vielleicht auch nicht übermorgen. Aber es wird passieren, wenn wir weiterhin alles suizidal empathisch abnicken, statt gegenzusteuern. Wenn wir weiterhin denen, die warnen, das Mikro abdrehen, und denen, die zündeln, Verständnis entgegenbringen.

Man muss diese Realität nicht mögen. Ich mag sie auch nicht. Aber man kann sie entweder jetzt anerkennen, solange man noch etwas tun kann. Oder später, vor einem brennenden Rathaus.

Allons-y.



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