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9–13 Minuten

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Ich wollte doch nur einstöpseln

Ich habe neulich auf X etwas getan, das man auf X offenbar nicht mehr tun sollte: Ich habe laut darüber nachgedacht, ob ich mir etwas kaufe.

Konkret ging es um eine Retrokonsole. So ein schwarzes Kästchen, das man an den Fernseher hängt und auf dem dann 16.220 Spiele von damals drauf sind. NES, SNES, PS1, im Grunde die halbe Kindheit in einer Box mit 4 TB Festplatte. Alle drölftausend Spiele, die ich damals hatte, plus Hunderte, die ich mir nie kaufen konnte, weil irgendwann das Taschengeld und der Ferienjoblohn alle waren. Ich schrieb dazu, dass ich das gern in gut und vernünftig hätte, also eben nicht als „Chinakram mit fragwürdigen SDs statt vernünftiger SSD und HDD, wackelige Controller und schlecht vorkonfigurierte ROMs“. Und dann, mit einem deutlich hörbaren Augenzwinkern: „Redet mir das bitte mal wer aus?“

Fairerweise muss ich zugeben: Damit habe ich die Tür selbst aufgemacht. Wer öffentlich fragt, ob ihm jemand etwas ausreden kann, darf sich nicht wundern, wenn jemand kommt und es versucht.

Nur kam niemand, um es mir auszureden.

Es kamen Leute, um es mir umzureden.

Evangelist, vom Altgriechischen εὐαγγελιστής, der Verkünder einer guten Botschaft. Abgeleitet von εὐαγγέλιον, der guten Nachricht, aus der später das Evangelium wurde. Im Christentum ursprünglich die Bezeichnung für die Verfasser der 4 Evangelien, später allgemein für jemanden, der die frohe Botschaft unters Volk bringt, ob das Volk nun will oder nicht.

In weniger schwülstig: Jemand, der Ihnen erklärt, dass Ihr Weg der falsche ist und seiner der einzig wahre.

Ich schrieb ja erst neulich ein wenig darüber.

Die Tech-Welt hat den Begriff längst für sich entdeckt, bei manchen Firmen steht „Evangelist“ ganz offiziell auf der Visitenkarte. Auf X braucht man dafür keine Visitenkarte. Da reichen ein Account, ein Thema, bei dem man sich für zuständig hält, und ein Post von jemandem, der es noch nicht begriffen hat.

Die Antworten auf meinen Post ließen sich grob in 3 Lager sortieren, und wer schon eine Weile auf X unterwegs ist, kennt alle 3. Nicht nur bei Retrokonsolen. Bei so ziemlich allem.

Das erste Lager sagt: Du machst das falsch, wenn du nicht stattdessen XYZ machst. Das Kästchen? Unsinn. Was man eigentlich wollen würde, wenn man nur mal richtig darüber nachdächte, ist ganz was Anderes. Ein Handheld zum Beispiel. Oder irgendein anderes Nerdzeug, dessen Name klingt wie ein Pokémon mit Linux-Kenntnissen. Dass man selbst nie danach gefragt hat, spielt keine Rolle. Man weiß halt nur noch nicht, dass man es eigentlich will.

Das zweite Lager sagt: Gut und richtig ist das nur, wenn man den langen, umständlichen Weg nimmt. Man kann das ja alles selbst machen. Die Spiele selbst zusammensuchen, das System selbst aufsetzen, die Controller selbst einrichten, und wenn man damit nach ein paar Wochenenden fertig ist, hat man sich das Spielen auch redlich verdient. Wer einfach nur einstöpseln will, ist irgendwie kein richtiger Fan. Retrogaming als Pilgerreise: Wer nicht barfuß über die Alpen latscht, kommt nicht ins Himmelreich der 8 Bit.

Das dritte Lager ist die Königsklasse. Das dritte Lager sagt: Es gibt eine richtige Version davon und das ist meine. Nicht irgendein Gerät, sondern genau dieses eine. Nicht irgendein Setup, sondern genau das eigene, mit genau diesen Einstellungen und genau dieser Software, und alles Andere ist bestenfalls Spielzeug für Leute, die es halt nicht besser wissen. Man erkennt dieses Lager daran, dass es nicht empfiehlt. Es verkündet.

Jetzt ist das für sich genommen erstmal gar nicht schlimm. Jeder darf sein Hobby lieben, und wer sein Wochenende gern damit verbringt, aus einem Haufen Platinen und Kabeln eine Wunderkiste zu bauen, die er hinterher stolz im Wohnzimmer stehen hat: Herzlichen Glückwunsch, das gönne ich jedem. Ehrlich. Ich finde das sogar ziemlich cool. Ich will es halt nur nicht selbst machen.

Und genau da fängt das Problem an.

Es gibt auf X nämlich diese eine fantastische, chronisch unterschätzte Funktion, die jeder hat und kaum noch einer benutzt. Den Daumen. Man legt ihn aufs Display und schiebt nach oben. Weiterscrollen. Passt nicht, interessiert nicht, ist nicht meins: weiter. Das kostet nichts, das tut nicht weh, und der Mensch, der den Post geschrieben hat, wird es nie erfahren und auch nicht vermissen.

Weiterscrollen ist aber offenbar keine Option mehr. Wenn da draußen irgendjemand etwas will, das man selbst anders machen würde, dann muss da hingegangen werden. Dann muss erklärt werden. Dann muss missioniert werden.

Und das Bemerkenswerte daran ist nicht mal, dass missioniert wird. Das Bemerkenswerte ist, wie konsequent dabei ignoriert wird, was der Missionierte schon gesagt hat.

Ich habe im Verlauf mehrfach geantwortet. Nicht einmal. Mehrfach. Ich möchte kein Handheld. Ich möchte keine langwierige ROM-Suche. Ich möchte keine langwierigen Controllermappings. Ich möchte nicht langwierig ein nerdiges, cooles System aufsetzen, so cool es hinterher auch sein mag. Was ich möchte, ist: einstöpseln, und dann tut das Dinge.

Das ist, gemessen an dem, was auf X sonst so verhandelt wird, eine ziemlich klare Ansage. Da ist kein Interpretationsspielraum. Da steht kein „vielleicht“, kein „eventuell“, kein „überzeugt mich“. Da steht, was ich will und was ich nicht will. Schwarz auf weiß, beziehungsweise weiß auf schwarz, ich nutze den Dark Mode.

Und dann kommt die nächste Antwort, und darin steht, sinngemäß: Hol dir doch ein Handheld.

Wird langsam klar, wohin das geht, oder?

Es geht nämlich überhaupt nicht darum, was ich möchte. Was ich möchte, DARF gar nicht das sein, was ich möchte. Man hat das gefälligst so oder so zu machen, und wenn man es nicht so oder so macht, dann hat man es einfach noch nicht richtig verstanden. Und wer es nicht richtig verstanden hat, dem muss man es halt nochmal erklären. Und nochmal. Und nochmal, bis er endlich einsieht, dass er sich das alles nur einbildet mit dem Einstöpseln.

Das ist im Grunde eine sehr spezielle Form von Zuhören. Man hört zu, um herauszufinden, an welcher Stelle der Andere sich irrt. Was er tatsächlich gesagt hat, ist dabei eher nebensächlich.

„Wie dumm muss man sein, zu glauben, dass sowas mit 16000 Spielen alles legale ROMs sein können?“

Und wenn das alles nicht hilft, kommt irgendwann die Moralkeule.

In meinem Fall eben in Form der Frage, wie dumm man denn bitte sein müsse, zu glauben, dass so ein Kästchen mit 16.000 Spielen nur legale ROMs drauf haben kann.

Spannende Frage. Hat nur niemand gestellt.

Um die Legalität ging es in meinem Post nämlich nie. Ich habe nicht gefragt, ob das legal ist. Ich habe nicht behauptet, dass es legal ist. Ich habe auch nicht gefragt, wie ich mir das rechtlich schönreden kann. Ich habe gefragt, ob mir das jemand ausredet, und dazugeschrieben, dass ich es gern, wenn überhaupt, in vernünftiger Qualität hätte.

Und ja: Die Frage nach der Legalität ist ja nicht völlig aus der Luft gegriffen. Mag sogar gut sein, dass da was dran ist. Darüber kann man reden. Darüber kann man sogar richtig gut reden, das ist ein durchaus interessantes Thema, bei dem es um Urheberrecht geht, um Spiele, die man nirgends mehr legal kaufen kann, um Firmen, die ihre eigenen Klassiker im Archiv verstauben lassen, und um die Frage, was eigentlich mit Kulturgut passiert, wenn niemand mehr die Rechte daran wahrnimmt. Da gibt es Argumente auf beiden Seiten und da hätte ich mich sogar gern drüber unterhalten.

Aber darüber wollte ja niemand reden. Es wurde nicht gefragt „Ist das überhaupt legal?“. Es wurde gefragt „Wie dumm muss man sein?“.

Und das ist ein Unterschied, der mir die Diskussion schon völlig vergällt. Die erste Frage zielt auf die Sache. Die zweite zielt auf mich. Ad hominem nennt man das, lateinisch, grob übersetzt „auf den Menschen bezogen“: Man setzt sich nicht mit dem auseinander, was jemand sagt, sondern mit dem, der es sagt. Das ist bequem, weil man dafür kein Argument braucht. Es reicht, den Anderen für doof zu erklären, dann muss man sich mit dem Rest nicht mehr beschäftigen.

Warum gleich so? Was gewinnt man dabei? Ein gutes Gefühl vermutlich. Das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Der White Knight reitet in die Replyspalte, um die Rechteinhaber zu verteidigen, die ihn nicht darum gebeten haben und die, soweit ich das überblicke, über genug eigene Anwälte verfügen. Gerettet ist damit niemand. Aber man hat mal wieder jemandem gezeigt, dass man der bessere Mensch ist.

Glückwunsch.

Das Ganze wäre jetzt eine ganz nette, kleine Anekdote über Retrokonsolen und Nerds mit Sendungsbewusstsein, wenn es denn nur um Retrokonsolen ginge.

Tut es aber nicht.

Das Schema ist immer dasselbe, und es wird bei so vielen Themen exakt so abgespult, dass man die Uhr danach stellen könnte. Jemand postet, was er gern hätte oder tun würde. Es meldet sich jemand, nach dessen Ansicht man das falsch macht, weil man nicht etwas ganz Anderes macht. Es meldet sich jemand, nach dessen Ansicht man den falschen, weil zu bequemen Weg nimmt. Es meldet sich jemand, nach dessen Ansicht nur seine eigene Version davon die richtige sein kann. Was man selbst antwortet, wird überlesen. Und wenn alles nichts hilft, wird man moralisch eingeordnet.

Sagen Sie auf X mal, dass Sie sich ein neues Handy kaufen wollen. Oder welchen Editor Sie zum Programmieren nehmen. Oder dass Sie Ihren Kaffee mit Milch trinken. Ich wette mit Ihnen, es dauert keine 20 Minuten, bis Ihnen jemand erklärt, warum das falsch ist, was Sie stattdessen tun sollten und was das über Sie als Mensch aussagt.

Und das nervt. Es nervt nicht, weil Menschen andere Meinungen haben. Andere Meinungen sind der ganze Witz an so einer Plattform, ohne andere Meinungen könnte ich mich auch mit meinem Spiegel unterhalten. Es nervt, weil gar keine Meinungen mehr ausgetauscht werden. Es wird nur noch verkündet.

Es wird auf X immer schwieriger, noch vernünftige, erwachsene Diskussionen zu führen. Das ist schon schlimm genug, das wissen wir alle, das beklagen wir alle, und die meisten von uns sind ja auch selbst ein Teil davon. Ich nehme mich da gar nicht aus, ich bin auch nicht immer der Gelassenste, wenn mir einer blöd kommt.

Ich habe über X und die Leute, die sich dort für ein bisschen wichtiger halten, als sie sind, sogar ein ganzes Buch geschrieben: „Wie ich auf X die Welt veränderte“. Eine der Erkenntnisse daraus: Wer weiß, dass er kein Gottkönig ist, muss auch nicht jeden Irrtum korrigieren und nicht die Menschheit retten. Auch nicht vor einem Kästchen mit Retrospielen.

Aber inzwischen wird es schon schwierig, auf X auch nur stinktrivialen Smalltalk zu halten. Einfach mal „Hach, das wär schon was“ zu posten, ohne dass innerhalb einer Stunde die komplette Besetzung antritt: der Evangelist mit der einzig wahren Lösung, der Missionar, der einen bekehren will, der White Knight, der irgendwen verteidigt, der gar nicht angegriffen wurde, und der Social Justice Warrior, der einem erklärt, was man für ein Mensch ist, weil man das, worüber man gar nicht geredet hat, falsch sieht.

Ich wollte über ein Kästchen mit Spielen reden. Über NES, SNES und PS1. Über das Gefühl, das man hat, wenn man nach Jahrzehnten wieder die Titelmelodie von irgendwas hört, das man als Kind bis zum Umfallen gespielt hat. Über die ganzen Spiele, die man damals im Laden in der Hand hatte und wieder zurückstellen musste, weil das Geld nicht reichte.

Das wäre ein schönes Gespräch gewesen. Ein wirklich schönes Gespräch.

Stattdessen wurde mir erklärt, was ich eigentlich will, wie ich es eigentlich machen müsste und wie dumm ich eigentlich bin.

Ich frage mich manchmal, wie das wohl in der Kneipe laufen würde. Man sitzt mit ein paar Leuten am Tresen und sagt so: „Mensch, ich überleg mir, ob ich mir so ne Retrokiste hol.“ Und dann dreht sich einer um und sagt, man solle das gefälligst selbst zusammenbauen. Man sagt, man will nicht basteln. Er sagt, dann soll man sich halt ein Handheld kaufen. Man sagt, man will kein Handheld. Er sagt: „Wie dumm muss man eigentlich sein?“

Den würde man im echten Leben einfach komisch angucken. Und dann würde man sich ein paar Hocker weiter setzen.

Auf X gibt es keine Hocker weiter. Da sitzen alle auf demselben Hocker, und alle reden gleichzeitig.

Deswegen nur eine ganz kleine, bescheidene Bitte, ohne große Moral und ohne erhobenen Zeigefinger:

Können wir vielleicht alle einfach wieder wie normale Leute miteinander reden?

Und wer mir das Kästchen jetzt immer noch ausreden will: sehr gern. Ich habe ja schließlich darum gebeten. Aber dann bitte mit Argumenten gegen das Kästchen.

Nicht gegen mich. Und zwar nicht, weil ich ein zartes Pflänzchen wäre, das das nicht aushielte. Im Gegenteil. Im Zweifel beharken wir uns dann halt. War halt nur nicht das Thema und das finde ich dann eben doch etwas schade.



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